17. September 2018 | Retail Technology, Visions of Retail

Was von Virtual Reality im Einzelhandel zu erwarten ist

Virtuelle Modenschauen, Bergbesteigungen und Probefahrten: Virtual Reality (VR) stellt neue Weichen für das Kundenerlebnis – nicht nur im Store, sondern auch beim Onlineshopping.

„Es ist immer wieder erstaunlich und faszinierend, wie stark das Medium Virtual Reality doch wirkt, wenn jemand die VR-Brille zum ersten Mal aufzieht“, stellt Dr. Jonathan Harth, Soziologie an der Universität Witten/Herdecke, fest. Er beschäftigt sich mit dem Einfluss von Digitalisierung und Computertechnologien auf die Gesellschaft.

Mit dem VR-Headset sieht man eine virtuelle 3D-Umgebung. Man hat das Gefühl hat, an einem anderen Ort zu sein. „Der reale Raum, in dem man sich befindet, kann komplett mit einer virtuellen Umgebung überschrieben werden. Das kann der Weltraum, aber auch die Shoppingmall von nebenan sein, die virtuell nachgestaltet wurde. Der Gestaltung ist außer der Vorstellungskraft der Designer keine Grenze gesetzt“, erklärt Dr. Harth.

VR: Abgehobenes Experiment oder Zukunft des Einkaufens?

Die private Nutzung von VR kommt allmählich in die Gänge. Aber auch Unternehmen experimentieren schon mit den vielseitigen Möglichkeiten der VR-Technologie.
Welches Potential bietet VR Einzelhändlern zukünftig und welche Praxisbeispiele gibt es schon? Laut Ipsos interessiert sich etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Deutschen für VR-Erlebnisse im Zusammenhang mit Shopping.

Entertainment durch Erlebnismarketing

Dass VR viel Potenzial für kreative und aufregende Marketingaktionen mit sich bringt, haben einige Händler schon bewiesen.

Frau in einer Rutsche mit VR-Brille; copyright: Topshop

© Topshop

Die Werbemaßnahme „Splash!“ des britischen Modehändlers Topshop im Frühling dieses Jahres ging durch die sozialen Medien wie ein Lauffeuer. In die größte Londoner Filiale baute das Unternehmen eine Rutsche ein. Während Kunden durch die Röhre flutschten, erhielten sie über eine VR-Brille den Eindruck, auf einer Wasserrutsche durch die Oxford Street zu rasen.

Tommy Hilfiger nutzte schon im Herbst 2015 VR, um eine Modenschau seiner Herbstkollektion in ausgewählten Stores auf der ganzen Welt zu übertragen. Dort konnten Besucher mit VR-Brillen „von der ersten Reihe aus“ zuschauen und sogar Einblicke in den Backstage-Bereich erhalten.

Die etwas andere Produktpräsentation

Solch außergewöhnliche Erlebnisse sorgen für Aufmerksamkeit und bleiben den potentiellen Konsumenten bestimmt länger im Gedächtnis. „VR ist sicher geeignet, um die Leute wieder mit einer tollen Experience in den Laden zu locken“, meint auch Dr. Harth. „Idealerweise passt das gebotene Erlebnis dann auch zum Thema, Produkt oder Geschäft.“ Die langfristige Marketingwirkung eines Einsatzes von VR könne so noch gesteigert werden.

In diesem Frühjahr bot der Käsehersteller Castello seine Kreationen in einem Foodtruck zum Probieren an. Dabei wurde von der Agentur itc promotion ein interaktives VR-Game kreiert. Geschäftsführer Andreas Blum sagte über die multisensorische Marketingaktion: „Die Besucher können in einem virtuellen Spiel mit VR-Brille Käseflocken fangen und gleichzeitig ‚reale‘ Käsestücke genießen.“

Der amerikanische Outdoortextil-Hersteller Merrell ließ für die Produkteinführung eines neuen Wanderstiefels die alpine VR-Umgebung „TrailScape” erstellen. Mit einem Oculus Rift Headset konnten Besucher einen virtuellen Bergpfad besteigen. Die physische Installation bestand aus einer Felswand, einem Ventilator und einem echten Holzsteg. So wurde die Simulation des Bergpanoramas mit multisensorischen Elementen aufgewertet. Verbunden mit Bewegungssensoren und Tracking-Technologie, wodurch Position und Blickrichtung im virtuellen Bild wiedergegeben werden, wird VR zu einer extrem immersiven Erfahrung.

Durch Visualisierung zum praktischen Mehrwert für Kunden

VR bringt nicht nur den Erlebnisfaktor mit sich. Die Technologie kann so eingesetzt werden, dass ein echter Nutzen für die Kunden entsteht. Gerade wenn es um Design, Optik und Anordnung geht, hat sie viel Potenzial: „Dinge, bei denen man sich vorher vorstellen musste, wie es aussehen könnte, kann man mit dieser Technologie begreifbar und anschaulich machen“, erklärt Dr. Harth.
Es überrascht also nicht, dass beispielsweise einige Einrichtungshäuser schon mit VR arbeiten. Wenn Wohnungsteile in einer künstlichen Umgebung maßstabsgetreu nachgebaut werden, können Einrichtungsgegenstände darin platziert und Designs ausgewählt werden: Ein praktisches Feature für Kunden, um zu sehen, wie neue Möbel in die heimischen Wohnzimmer oder Küchen passen würden.

IKEA legte schon im Frühjahr 2016 mit einem virtuellen Küchenplaner als einer der ersten Möbelhändler vor. Andere Einrichtungshäuser wie Macy’s oder Ashley Furniture zogen nach. Lumimart setzt VR auch für Lampen und Leuchten ein.

Kunde mit VR-Brille vor Bildschirm mit Autodesign; copyright: AUDI AG

© AUDI AG

Nicht nur Produkte werden so „erlebbar“, sondern auch ausgewählte Features oder individuelle Gestaltungen. So gewinnen Kunden schon vor der Bestellung oder dem Kauf einen guten Eindruck davon, wie das Endprodukt aussehen wird. Möchten sie die Leselampe später doch in einer anderen Farbe haben, lässt sich der Artikel umtauschen. In anderen Fällen, beispielsweise bei ausgewählten Ausstattungsmerkmalen für den Neuwagen, geht das nicht. Hier ist also ein vorheriges, möglichst realitätsnahes Visualisieren sehr hilfreich. Bei Audi bieten einige Händler die „Audi VR experience“ an: Probesitzen im digital konfigurierten Fahrzeug.

Mehr Convenience geht immer – Shopping vom Sofa aus

Einkaufen gehen, ohne einkaufen zu gehen: Mit VR können Kunden nicht nur ihr Zuhause in den Laden, sondern auch den Laden zu ihnen nach Hause holen.

Sie können immer häufiger stationäre Geschäfte virtuell durchlaufen. Im Browser können sie sich in 3D durch den Laden bewegen, ähnlich wie Google Earth Street View. Diese virtuelle Umgebung kann als Ergänzung oder gar Ersatz des Onlineshops dienen. Die ausgestellten Artikel sind markiert, der Kunde kann sie anklicken und dann zu weiteren Produktinformationen und dem Webshop gelangen.

Die Cairo Designstores in Nürnberg, Frankfurt und München sind beispielsweise auf diese Weise erlebbar. Cairo geht aber noch einen Schritt weiter. Mit der entsprechenden VR-App von Matterport, Smartphone und VR-Brille können Neugierige die Stores in Frankfurt und Nürnberg auch in einer Virtual Reality-Umgebung begehen.

In Japan arbeitet die Firma Team S daran, dem Ganzen die Krone aufzusetzen. Bis zum Jahr 2020 sollen japanische Kunden ausgewählte Läden nicht nur als künstlich erschaffene Simulation online durchstöbern, sondern mit Live-Bildern den realen Store virtuell besuchen können. Geplant ist, dass Kunden von einer künstlichen Intelligenz durch die Regale geführt und beraten werden. Per Sprachbefehl ausgewählte Waren würden anschließend nach Hause geliefert. Das volle Erlebnis auf der Couch.

Autor: Julia Pott
Erstveröffentlichung auf iXtenso.com – Magazin für den Einzelhandel

Tags: Einkaufserlebnis, Interaktives Einkaufen, Virtual Reality, multisensuales Marketing

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