Platz für Innovationen: Cloud-Services für agilere Geschäfte
5. Oktober 2018 | Feature, Interview, Retail Technology, Shopping Today

Pilotprojekte im Einzelhandel schneller denn je umsetzen. Interview mit Retail-Experten von SAP.

Schlanker, schneller, nützlicher: Cloud-Lösungen helfen dabei, Kundendaten auswerten und sinnvoll nutzen zu können. Welche Einzelhändler schon nicht mehr auf die Wolke verzichten wollen und worin die größten Vorteile liegen, erklären uns Ralf Kern und Achim Schneider von der Industry Business Unit Retail bei SAP.

Herr Kern, Herr Schneider: Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Akzeptanz von Cloud-Lösungen im Einzelhandel in den letzten zehn Jahren entwickelt? Sind Händler noch skeptisch, ob ihre Daten sicher sind?

Kern: Vor zehn Jahren war kein Händler bereit, Daten über den Ozean oder Atlantik zu schicken. Mittlerweile hat sich die Diskussion um das Thema Sicherheit in der Cloud derart komplex gedreht, dass wir diese Sorge gar nicht mehr hören. Ganz im Gegenteil: Heute suchen sie Unterstützung, um die ganzen Datenströme und Firewalls zu sichern.

Schneider: Heute muss man Daten in gewisser Weise distribuieren, um den besten Nutzen ziehen zu können. Das funktioniert mit den Möglichkeiten der Cloud.

Manche Branchen hadern nicht mehr mit „Cloud ja oder nein“ …

Kern: Das stimmt. In der Human-Ressource-Branche und dem Reisemanagement, wo Reiseabwicklung vollautomatisch abgewickelt wird, tut sich niemand mehr schwer. Die Händler haben kein Interesse daran, riesige Hardware-Landschaften zu verwalten oder sämtliche Release-Updates zu machen. Früher musste alles in die bestehende Hardware eingefügt und gecheckt werden. Auf modernen Plattformen in der Cloud stehen diese Dinge schon zur Verfügung. Händler fragen konkret nach Software als Service (SaaS) – vor allem für die Bereiche Machine Learning, Artificial Intelligence, IoT-Szenarien, außerdem für die Vernetzung der Supply Chain und die Digitalisierung der Filiale.

Welche Möglichkeiten nutzen Einzelhändler außerdem?

Schneider: Vor allem nutzen sie die Cloud für die Verwaltung der stetig anwachsenden Artikel-Stammdaten. In Zeiten von Omnichannel sind das sehr viele Beschreibungen, Preise und Bewegungen. Transaktionsdaten werden für das Ableiten von Informationen gespeichert, um die Planung zu optimieren und die Kommunikation mit dem Kunden zu personalisieren. Sie können Daten kanalübergreifend einsetzen.

AchimSchneider @ SAP

AchimSchneider © SAP

Wie sieht es mit Peak-Zeiten aus?

Kern: Die Zeiten, in der es die größte Herausforderung der IT-Abteilungen der Händler war, die Hardware-Systeme so anzupassen, dass sie gerade an Weihnachten passen und ansonsten für den Rest des Jahres 60 Prozent überdimensioniert waren, sind mit der Cloud vorbei. Wenn die Lösung über Hyperscale-Plattformen wie Amazon, Google, Microsoft Azure läuft, wird so viel Landschaft angefordert, wie im Black Friday- oder Weihnachtsgeschäft benötigt wird.

Sie sagen: Cloud-Services machen das Geschäft agiler. Wie das?

Schneider: Das lässt sich am Beispiel Kundendaten erklären: Niemand möchte unstrukturierte Kundeninformationen irgendwie in der Landschaft ablegen. Mit dem Ansatz des Datenmanagements können wir alle Daten zusammenbringen und entsprechende Verbindungen zu den Services bauen, sodass der Kunde nur die Daten abrufen kann, die er braucht. Das macht das ganze Geschäft schlanker und performanter. Agilität ist ganz groß ins Rennen gekommen, um in einer Amazon-Welt mithalten zu können.

Wo starten Sie mit den Händlern bei der Suche nach dem richtigen System?

Schneider: Es gibt große Händler, die sagen: „Meine künftige IT-Landschaft liegt komplett in der Cloud.“ Die meisten anderen möchten lieber erst einmal auf ihren bestehenden Landschaften aufbauen, was mit unterschiedlichen Formen und Services der Cloud auch modular möglich ist. Wir finden zusammen mit den Händlern mithilfe von Design-Thinking-Methoden heraus, wo sie in den nächsten Jahren hinmöchten. Wir machen Vorschläge und zeigen mit Tools, wie das aussehen könnte. Es ist nicht das erste Ziel, direkt komplett in die Cloud zu gehen, sondern zu entscheiden, welche Services ich nutzen möchte.

Können Sie uns konkrete Projekte im Einzelhandel nennen?

Kern: Wir haben bei einem Retailer mit den Angestellten überlegt, wie man das Kundenverhalten besser beobachten könnte, welche Auswirkungen es haben würde, wenn die Anordnung der Regale und somit Laufwege verändert würden. Schon nach einer Woche haben wir Heat-Mapping-Geräte installiert und die zu untersuchenden Bereiche im Laden definiert. Das hätte früher über ein Jahr gedauert. Mit der Auswertung der Daten über die Cloud-Services konnten Artikel besser platziert und der Bestand in der Filiale verbessert werden. Der Kunde hat seinen KPI erreicht. Gerade wird das System auf mehrere Filialen ausgeweitet.

Ein anderer Händler hat seine Einkaufswagen mit Sensoren ausgestattet und die Laufwege analysiert. Danach hat er seine Aufstellung komplett verändert. Jetzt müssen die Kunden mittags nicht durch den gesamten Store laufen, um ihren Orangensaft oder Snack zu holen, sondern es gibt vorne im Laden eine Ecke hierfür.

Ralf Kern @SAP

Ralf Kern © SAP

Wie werden die Services bezahlt?

Kern: Es gibt beispielsweise Starter-Kits für Prozesse, die typisch für den Einzelhändler sind, wie IoT-Szenarien, die Verbindung von Kassen, Digital Signage in der Filiale und so weiter ermöglichen. Auf dieser Software und dem Service können sie aufbauen. Zurzeit möchten Händler aber noch mehr Neues umsetzen in ihrer eigenen IT-Landschaft. Hierbei greift ihr System auf Services der Cloud-Plattform zu. Da gibt es mittlerweile ein Pricing-Modell wie bei einer Prepaid-Karte. Der Händler kauft das Recht, die Cloud-Plattform und die Services nutzen zu können. In einer idealtypischen Welt – da sind wir noch nicht zu hundert Prozent – kann der Händler verbrauchsabhängig bezahlen.

Worin sehen Sie die größten Vorteile der Cloud-Technologie?

Kern: Mit Cloud-Lösungen habe ich die Möglichkeit, kanalübergreifend den Kunden zu unterstützen, aber auf der anderen Seite kann ich auch den Mitarbeitern in der Filiale oder den Call-Center-Mitarbeitern diesen Einblick auf den Kunden gewähren. Händler wünschen sich mehr Agilität und Innovationsfähigkeit, um mit bekannten Konkurrenten wie Amazon in den Wettbewerb treten zu können.

Schneider: Die Instandhaltung älteren On-Premise-Lösungen kostete viel Zeit und Ressourcen. Der Raum für Innovationen war begrenzt. Heute wagen Händler auch einmal Sachen, an die sie sich früher nicht herangetraut hätten. Denn in der Cloud-Plattform können wir Innovationen agil umsetzen, die dann schnell für das Business eingesetzt werden, ohne eine stabile Kern-Warenwirtschaft zu beeinträchtigen.

Interview: Natascha Mörs
Zuerst veröffentlicht auf: iXtenso – Magazin für den Einzelhandel

Tags: CRM, Cloud, Heat-Mapping, SaaS

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