26. Mai 2020 | Galerie, Shop Fitting & Store Design, Shopping Today

Retail in Tokio ist eine Angelegenheit der Superlative

von Illona Marx (exklusiv für EuroShop.mag)

Eine moderne Boutique mit Waren in einem Sideboard

Gucci-Store Tokio © Illona Marx

Die progressivste Ladenbau-Architektur, die ungewöhnlichsten Displays, der höflichste Service, die erlesensten Produkte, die größte Auswahl, die aufwändigsten Verpackungen: Wer Tokio nicht gesehen hat, weiß noch nicht um die verführerischsten Möglichkeiten von zeitgemäßem Shoppingerleben. Neben dem sehr bekannten und kommerziellen Viertel rund um den Bahnhof von Shibuya und der gleichnamigen viel frequentierten Straßenkreuzung stehen auch andere Nachbarschaften hoch im Kurs: Omotesando und Aoyama sind für ihre High-End-Fashion-Flagshipstores bekannt, während sich das ebenfalls exklusive Ginza durch einige beeindruckende Luxus-Malls auszeichnet. Als Brooklyn von Tokio macht der Stadtteil Daikanyama von sich reden: Hier sprießen kleine Ladenkonzepte einheimischer und internationaler Brands aus dem Boden, reihen sich weitläufige Buchläden an hippe Cafés und publikumswirksam inszenierte Hundefrisöre.

Angesichts dieser vielfältigen und überreichen Shoppingwelt tut Orientierung not. Ob Food & Concept, Marke, Malls & Einkaufskomplexe, High Fashion oder Architektur – in den folgenden Wochen werden wir Sie tiefer in die Shoppinggeheimnisse der japanischen Tigercity einweihen, indem wir Ihnen nach und nach aus jeder dieser Kategorien die Top-Five-Locations vorstellen. Hier eine erste Auswahl von fünf Highlights. Damit möchten wir Ihnen auch in reisefreien Zeiten eine virtuelle Erkundungstour durch die aufregendsten Straßen von Tokio ermöglichen.

 

Food & Concept: In dieser Kategorie präsentieren wir Ihnen Stores, die den Konsum von Mode, Interior Design oder Büchern raffiniert mit kulinarischem Genuss verzahnen.

Muji Ginza

Seit 1980 existiert Muji. Man könnte den durch Schlichtheit und Reduktion gekennzeichneten Konsumtempel auch einen Gemischtwarenladen oberster Güte nennen, wobei alle Produkte durchaus erschwinglich sind. Muji verkauft japanischen Lifestyle in jedweder Form: Bekleidung, Schuhe, Schreibwaren, Küchenutensilien und Wohnaccessoires. Im 2019 eröffneten Flagship in Ginza gehören auch ein Foodmarkt, ein Restaurant, eine Bar, eine Galerie und ein Hotel mit zum Konzept. Natürlich konsequent durchdekliniert und ebenso geradlinig gestaltet wie die weltweiten Muji-Dependancen mit den bekannten Abteilungen und Produkten.

Im stets belebten Foodmarkt im Erdgeschoss des Muji Ginza stapeln sich Nüsse, Gewürze, Kekse, Teesorten, aber auch Frischobst und Gemüse. Die meterhohen gefüllten Regale vermitteln Großzügigkeit und Vielfalt, es duftet nach frischen Croissants, die aus dem hauseigenen Ofen direkt auf die Ladentheke der integrierten Bäckerei wandern. Alle Snacks sind in Muji-Manier in weiße oder transparente Tüten verpackt und wirken so begehrlich wie kleine Geschenke.

 

Kenya Hara, einer der renommiertesten Designer Japans, ist der Urheber dieses minimalistischen Gestaltungskonzepts. Ein Kinderspielplatz, Häkelkurse, Lesenischen, das Restaurant im Basement, dazu noch eine Galerie. Spielend lässt sich ein ganzer Tag bei Muji verbringen. Wenn dann noch eine Übernachtung im Muji Hotel auf den oberen beiden der sieben Etagen dazukommt, taucht man mit Haut und Haar in die japanische Lebenskultur ein.

Dunkles Wandregal mit Schuhen und Beleuchtung; copyright: ????

© Ilona Marx

3 Chome-3-5 Ginza, Chuo-ku, Tokio

 

Marke: Die sprichwörtliche Detailversessenheit japanischer Designer spiegelt sich auch im Storedesign ihrer Flagships.

Undercover Flagship

Jun Takahashi, Gründer des Labels Undercover, gilt als einer der wichtigsten Designer Japans. Seine Marke steht für Sportswear mit High-Fashion-Appeal, er verbindet androgyne japanische Layering-Looks mit Punk-Einflüssen. Eklektisch wie der Look der Kollektionen ist auch die Einrichtung des Undercover-Flagship-Stores im Stadtteil Aoyama.

Sehr viele Glühbirnen hängen dicht gedrängt von der Decke

© Illona Marx

Ein Himmel aus Glühbirnen beleuchtet die Szenerie im Erdgeschoss, wo die Undercover-Womenswear angeboten wird. Im Kontrast dazu wurde ein holzvertäfelter Tresen in das Ladenlokal eingefügt, darüber in scheinbar zusammengewürfelten Lettern einer Leuchtschrift das rebellische Statement, das an Jun Takahashis Zeit als Punksänger erinnert: „We make noise not clothes.“

Die Inspiration für die Theke stammt ganz klar von seiner Mentorin Rei Kawakubo, der Gründerin des Labels Comme des Garçons. In ihrem Londoner Kulteinzelhandel Dover Street Market erlangten die sich als DIY-Holzschuppen präsentierenden „Kassenhäuschen“ bereits Berühmtheit.

Ein Kleiderständer mit Kleidern in einer modernen Galerie

© Illona Marx

Eine breite Treppe führt ins Untergeschoss des Stores, in dem die Herrenkollektion zu Hause ist. Hier dominieren Nichtfarben: Hellgraue Betonpfeiler und Stahldisplays in Anthrazit verströmen einen kühlen, industriellen Charme, große Schwarz-Weiß-Porträts an den Wänden geben dem Raum dennoch ein persönliches Gesicht.

B1F BLEU CINQ POINT A, 5-3-22 Minami-Aoyama, Minato-ku, Tokio

 

Malls & Einkaufskomplexe: Asiatische Shopper lieben es, alles unter einem Dach zu finden. Die großen Konsumtempel sind Highlights.

Kashiyama Daikanyama

Das Shoppingviertel Daikanyama, das zu Shibuya zählt und sich südlich an die Gegend rund um dessen großen Bahnhof anschließt, erfreut sich dank erfrischender Storekonzepte einheimischer und internationaler Marken größter Beliebtheit bei den Tokioter Fashionistas. Man bewegt sich hier im mittleren Preissegment, statt Luxus ist Individualität angesagt.

Und selbstverständlich gibt es in einer solchen Gegend einen „Place to be“. In diesem Fall heißt er Kashiyama Daikanyama und ist ein Flagship, den die japanische Marke Onward errichten ließ. Das Design-Studio Nendo hatte den Auftrag, das breite Wirkungsspektrum des Fashion-Labels, das für seine kulturellen und sportlichen Engagements bekannt ist, in einen physisch erlebbaren Ort zu überführen. Und die Mission wurde erfüllt: Der Storekomplex mit seinen lichtdurchfluteten, übereinander gestapelten Würfeln avancierte rasch zum Treffpunkt.

 

Insbesondere das Café im Basement ist ein Magnet. Hier befinden sich auch die Lounge, die für Events genutzt werden kann, sowie eine Galerie. Gänge und Treppen führen durch den verschachtelten Bau hindurch zu den Verkaufsräumen im zweiten und dritten Stock, in denen Onward-Mode und Einrichtungsgegenstände angeboten werden. Herringbone-Terrazzo, Zementböden mit Textilstruktur, Marmor und mit Marmorstruktur bedrucktes Glas, Steinfliesen und Holz – die Materialien wechseln sich in den einzelnen Etagen ab und geben jedem Stockwerk ein eigenes Gesicht.

Sehr erlesen geht es in der vierten Etage zu, wo sich das französische Restaurant Coteau, eine Dependance der Tokioter Fine-Dining-Adresse Sugalabo, befindet. Von der Bar im fünften Stock schließlich genießen die Gäste den Blick über das Viertel und die Stadt. Besser kann man das Image einer Marke wohl kaum in ein Shoppingerlebnis transferieren.

Eine moderne Boutique mit Waren in einem Regal und einer Sitzgruppe in der Mitte

© Illona Marx

14-18 Daikanyamacho, Shibuya-ku, Tokio

 

High Fashion: Wie die Hautevolee der internationalen Mode sich in der Hauptstadt des Shoppings präsentiert.

Gucci, Parco

Europäische High Fashion gibt es in Tokio in mehreren Stadtvierteln zu entdecken. Doch einige Ladenbaukonzepte stechen aus dem Gros der Luxusadressen hervor. Darunter der Gucci-Store, der sich in dem nach einem Umbau wiedereröffneten Shoppingkomplex Parco befindet und Ende 2019 an den Start ging.

Eine moderne Boutique mit modernen Mannequins

© Illona Marx

Der Store hat einen nahezu singulären Charakter. Denn hier, im Herzen von Shibuya, hat Gucci ein lokal inspiriertes und individualisiertes Konzept umgesetzt – das gibt es ansonsten weltweit nur noch ein weiteres Mal zu bewundern, im New Yorker Gucci-Store in Soho nämlich.

Setzt man auf der New Yorker Wooster Street auf Backsteinwände und eine legerere Produktpräsentation, die auch eine jüngere Kundschaft ansprechen soll, werden in Tokio Stilelemente der japanischen Kultur aufgegriffen. So sind beispielsweise die Umkleidekabinen sind mit aquarellierten Mandschurenkranichen, dem japanischen Nationalvogel, und blühenden Kirschzweigen verschönert und in traditioneller Handarbeit geflochtene Korb-Displays dienen zur Präsentation der Gucci-Pumps.

15-1 Utagawa-cho, Shibuya-ku Shibuya PARCO, Tokio 

 

 

Kunstvolle Holzkonstruktion an der Straße; copyright: DAICI ANO

© Ilona Marx

Architektur: Herzog & de Meuron, Tadao Andō, Kengo Kuma, Toyo Ito, das Architekturbüro SANAA – die Liste der berühmten Namen ließe sich fortsetzen. Insbesondere auf dem Boulevard Omotesando, Tokios Antwort auf die Champs-Élysées, reihen sich die architektonischen Highlights wie Perlen auf eine Schnur.

Sunny Hills

Taiwanesischer Ananaskuchen in einem Holzkorb – Sunny Hills ist der Name einer für ihren Ananaskuchen international bekannten Bäckerei, die sich für ihren Store im Stadtteil Aoyama eine ganz besondere Architektur geleistet hat. Der Tokioter Architekt Kengo Kuma schuf für seine taiwanesischen Kunden eine dreidimensionale Konstruktion aus japanischem Zypressenholz, die die gesamte Fassade des Eckhauses bedeckt.

Ein gebäude mit einem holzgitter als fassade, durch das die Sonne scheint; Blick von innen

© Illona Marx

Die spektakuläre Außenhülle wurde in aufwändiger traditioneller Handarbeit aus jeweils sechs Zentimeter langen Holzstücken geschaffen. Kein Nagel und kein Tropfen Klebstoff kamen dabei zum Einsatz. Selbst die Schrauben, die man sieht, haben rein dekorativen Charakter. Innen prägt warmes Licht die Atmosphäre, der Duft des Holzes beruhigt die Sinne. Ein Stück des köstlichen, buttrigen Ananaskuchens und einen Oolong-Tee dazu – so lässt sich dieses architektonische Meisterwerk rundum genießen.

Übrigens: Neben der Tokioter Sunny-Hills-Dependance hat Kengo Kuma nicht nur das nahegelegene Nezu Museum entworfen. Er ist auch für das neue Olympiastadion verantwortlich, dem ja nun, nach der Verschiebung der Spiele, im kommenden Jahr große Aufmerksamkeit zuteilwerden wird.

3 Chome-10-20 Minami-Aoyama, Minato-ku, Tokio

 

Tags: Einkaufen, Einkaufserlebnis, Ladenbau, Ladendekoration, Modeeinzelhandel, Storekonzept
Tags: , , , , ,
Tokio Stores: The Capital of Shopping wurde präsentiert von:

Ähnliche Beiträge