26. August 2020 | Shop Fitting & Store Design, What´s new in Retail

Wie die Corona-Pandemie die Nutzung der Einzelhandelsflächen verändert und neue Store-Konzepte entstehen lässt

von Julia Pott (exklusiv für EuroShop.mag)

Wie sehen stationäre Geschäfte aus? Wofür werden Handelsflächen in Innenstädten genutzt? Und wie kommen Kunden an ihre Waren? Die Antworten auf diese Fragen ändern sich seit einiger Zeit rasant. Diese Entwicklung hat mehrere Auslöser, beispielsweise steigende Online-Bestellungen, sich wandelnde Kundenerwartungen, Immobilienpreise in Städten und viele mehr. Hinzu kam nun ein Brandbeschleuniger: die Corona-Pandemie.

Kunden stehen in einer Warteschlange vor und in einem Geschäft mit viel Abstand

© Walmart

Riesige Warenhäuser in Stadtzentren, in denen sich die Kunden drängeln und ihre Einkaufswagen füllen, gibt es fast nicht mehr. Und während der Viruspandemie herrschen eh andere Bedingungen beim Shoppen: Hygienevorschriften mit Abstand und Gesichtsmaske, Warteschlangen, weil Kapazitäten begrenzt sind, zwischenzeitlich sogar leere Regale – ein attraktives Einkaufserlebnis sieht anders aus. Kein Wunder, dass mehr Konsumenten als bisher auf Bestellungen gesetzt haben, statt selbst ins Geschäft zu gehen.

Das bedeutete: Einige Läden haben zwar sehr attraktive Flächen in der Stadt, aber nicht die Kundschaft, die sie nutzt. Gleichzeitig können die Händler mit ihren Logistiksystemen die Kundenerwartungen für eine sehr schnelle, punktgenaue Lieferung oft nicht bedienen. So ergibt sich die Frage:

Wie werden Händler ihre zentralen Handelsflächen zukünftig nutzen?

Hierzu gibt es mehrere Modelle:

Klassischerweise sind zentrale Flächen in Ortschaften dem traditionellen Einzelhandel vorbehalten, der eine gewisse Anzahl an Produkten vorrätig hat. Die Versandhändler und Online-Pureplayer hingegen bauen ihre Lager und Verteilerzentren außerhalb der Städte, im Nirgendwo an einer Autobahn.

Genau das ändert sich gerade:

Ein rotes Schild mit Pfeil auf dem Pickup steht

© Walmart

Viele Lebensmittelhändler haben ihre steigenden Onlinebestellungen aus den Regalen der Stores heraus ausgeführt und dort von Kommissionierern oder Pickern die Einkaufskörbe zusammenstellen lassen. Diese konnten dann von Kunden an Ausgabestellen oder automatisierten Abholstationen mitgenommen werden, ohne das Geschäft zu betreten; oder sie wurden auf den zugehörigen Parkplätzen in die Autos gereicht.

Kroger und Giant Eagle beispielsweise haben ganze Filialen für die Kundschaft geschlossen und dort nur noch Picker arbeiten lassen, um die vielen Bestellungen während der Coronapandemie abzuarbeiten. Solche geschlossenen Filialen – man nennt sie Dark Stores – werden dann also als reine Fulfillment-Center genutzt, als Lager. (Das ist allerdings kein neues Konzept, in Großbritannien gibt es das schon seit den frühen 2000ern.) Andere Retailer haben aus diesen Dark Stores Bestellungen zusammengestellt und an die Kunden versandt. Auch Bed Bath & Beyond erklärt in einer Pressemeldung vom März 2020, wie sie ihre E-Commerce– und Zustellressourcen ausbauen: „Dazu gehört auch die Erweiterung der lokalen Fulfillment-Möglichkeiten, indem einige Geschäfte in den USA und Kanada vorübergehend für die Öffentlichkeit geschlossen werden, um Kunden zu Hause zu bedienen.“

Händler haben sich gegenseitig überboten, wer die Waren am schnellsten zum Kunden bringt – Same Day Delivery, Zwei-Stunden-Zustellung oder 15-Minuten-Lieferung. Genau dabei hilft das Prinzip, innerstädtische Filialen zu Fulfillment-Centern zu machen. Die zentrale Lage verkürzt die Wege und begünstigt eine schnelle Zustellung.

Branchenkenner sind sich einig, dass der Trend zur Onlinebestellung – vor allem im Lebensmitteleinzelhandel, der durch die Corona-Pandemie einen deutlichen Schub erhalten hat – bestehen bleibt. Viele Konsumenten, die diese Services nun kennen und schätzen gelernt haben, werden sie weiterhin nutzen. Gleichzeit findet eine Rückbesinnung auf das Lokale statt, auf die unmittelbare Umgebung mit ihrer Vielfalt an Angeboten. Diese Entwicklung bietet Händlern also nicht nur die Herausforderung, ihre Produkte schnell und effizient zu den Kunden zu bringen. Sie schafft auch Chancen, um im eigenen Umkreis neue Kunden zu gewinnen.

Mehr Versand aus den Filialen und weniger Kunden auf der Fläche?

Das bedeutet, dass die Verwaltung der Bestellungen und die logistischen Prozesse mehr Raum und Arbeitskraft einnehmen, während die Verkaufsfläche zurückgehen kann.

Ein Mann in einem Supermarkt schiebt einen Rollwagen mit blauen Körben durch die Regale

© Walmart

Die Backoffice-Prozesse müssen entsprechend gestaltet werden. Ein Geschäft, das nicht den Kunden zum Stöbern dient, sondern als Lager fungiert, kann ganz anders aufgebaut werden, so dass Warenkörbe möglichst schnell zusammengestellt, verpackt und an die Auslieferung übergeben werden können. Skalierbare Lösungen zur Automatisierung einzelner Prozessteile sind hier besonders gefragt, viele Anwendungen sind im Einsatz oder werden getestet, wie Barcode-Scanner als Wearables, Inventurroboter, Pick-Roboter, automatisierte Shuttlesysteme, selbst-fahrende Container oder Verpackungsanlagen. Und bei Handelsketten muss das Ganze noch flüssig in den Gesamtbetrieb eingebunden werden: Welche Bestellung über welchen Kanal wird idealerweise von welcher Filiale – zum Teil oder in Gänze – ausgeführt?

Eine besondere Herausforderung ist ein Hybrid-Modell: Hier besteht ein Geschäft aus einem Teil, in dem Kunden wie gewohnt einkaufen, und einem Teil, in dem die Bestellungen ausgeführt werden. Die Retailer Walmart, Target und Albertsons beispielsweise haben sogenannte Mikro-Fulfillment-Center eingerichtet, bei denen Teile der Fläche für die Bearbeitung der Aufträge reserviert sind. Auch Verkaufsautomaten sind denkbar, die Tag und Nacht aus dem Händlerlager Waren kommissionieren und an Kunden ausgeben.

Wenn in den Stores mehr Fläche für das Fulfillment benötigt wird, steht weniger Fläche für die Kunden zur Verfügung. Diese Fläche kann dann allerdings auch ganz anders genutzt werden.

Wie könnte dieses neue Einkaufserlebnis aussehen?

Ein Supermarkt mit vielen gestapelten großen Packungen

© Sonder Quest / Unsplash

Wenn Kunden sich daran gewöhnen, ihre Produkte nicht mehr zum großen Teil selbst im Laden zu kaufen und direkt mitzunehmen, sondern die tatsächliche Inbesitznahme hauptsächlich von Click & Collect, Pick-up-Stationen, Drive-Through-Stellen und Lieferungen abgedeckt wird, können auf der Fläche die einzelnen Produkte mehr Raum einnehmen und viel besser zur Geltung kommen. So wird eine Warenpräsentation möglich, die für jeden Artikel eine Geschichte erzählt und die Features erlebbar macht. Sie bietet auch Freiraum für Beratung und einen Kundenservice, bei dem die Mitarbeiter nicht gleichzeitig noch Regale einräumen, Inventur vornehmen oder Kassen bedienen müssen. Ein Beispiel bietet der Samsung Showcase in Frankfurt auf der Zeil. Hier dreht sich alles um die Produkte, ausführlich, anschaulich, experimentell. Für Kunden werden Erlebnisse rund um die Produktwelt geschaffen. Und es gibt kein einziges Produkt dort zu kaufen.

Das Wall Street Journal berichtete Anfang August, dass Amazon mit der Simon Property Group, Amerikas größtem Mall-Besitzer, in Gesprächen ist, um deren leerstehende Einzelhandelsflächen in US-Städten als Amazon-Logistikzentren zu nutzen. Wenn die stationären Händler also nicht selbst Lösungen finden, wie sie ihre Produkte schnellstmöglich und bequem zu ihren Kunden bringen, übernimmt das einmal mehr Amazon. Patrick Keller, CEO von Annanow, einer Plattform, die Händler mit Kurierdiensten zusammenbringt, mahnt stationäre Händler in einem Interview mit CNN sich schnell anzupassen: „Denn Ihre Konkurrenz ist nicht der Verkäufer von nebenan, sondern der große reine Onliner. Ihr Ladengeschäft ist wertvoll, weil Sie dort sind, wo der Kunde ist […]. Das ist ein Vorteil gegenüber dem reinen Onliner. Aber Sie müssen diesen Vorteil […] nutzen.“

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