19. August 2020 | Interview, Retail Technology, What´s new in Retail

von Katja Laska (exklusiv für EuroShop.mag)

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz will die Stärken des stationären Handels ausbauen und setzt dafür auf moderne Technologien und eine intelligente Frischetheke.

Zeit für direkte, individuelle Kundenberatung – das sind des stationären Einzelhandels stärkste Waffen im Kampf gegen die Online-Konkurrenz. Das wissen auch die Köpfe des Innovative Retail Laboratory des DFKI und wollen Händlern durch den Einsatz moderner Technologien den Rücken stärken. Eine ihrer innovativen Lösungen: eine intelligente Frischetheke für den Lebensmitteleinzelhandel. Leiter Frederic Kerber erzählt, was hinter der Idee steckt.

Mann in dunklem Sacko und hellblauem hemd lächelt in die Kamera; copyright: DFKI

„Mit Hilfe solcher Prototypen können wir beispielsweise erforschen, wie Menschen auf eine neuartige Technologie reagieren, wo gegebenenfalls auch Grenzen der Technologie sind oder welche Rahmenbedingungen zu erfüllen sind, um sie dann unter Realbedingungen einzusetzen“ – Frederic Kerber über die Arbeit des DFKI. Unsere Fragen hat er gemeinsam mit seinen Kollegen des Knowledge4Retail-Konsortium beantwortet. // © DFKI

Herr Kerber, wie entstand die Idee zur intelligenten Frischetheke?

Frederic Kerber: In unserer Forschung spielen natürlich die Kunden, die tagtäglich einkaufen gehen, eine große Rolle. Eines unserer Ziele ist, sie durch unsere innovativen Lösungen zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee der intelligenten Frischetheke. Wir haben dafür die Probleme genauer analysiert, die bei der Interaktion zwischen Mitarbeitern und Kunden üblicherweise an einer solchen Frischetheke entstehen. In einem klassischen Szenario steht  der Kunde vor der Theke dem Verkaufspersonal hinter der Theke gegenüber, welches Beratung und Verkauf der Ware übernimmt. Oft kommt es hierbei allerdings zu Missverständnissen. Das beginnt schon bei einer simplen Zeigegeste der Kunden auf ein bestimmtes Produkt, die das Personal aufgrund einer anderen Perspektive auf die Warenauslage kaum nachvollziehen kann. Solche Missverständnisse stören nicht nur den Kunden, der gerade beraten wird, sondern insbesondere auch die nächsten in der Warteschlange.

Wir haben uns daher angeschaut, wie die typischen Szenen an einer solchen Frischetheke aussehen, und wie wir diese durch technologische Hilfsmittel unterstützen können, ohne die natürliche Interaktion zu stören.

Ihre Lösung will den direkten Kundenkontakt aber nicht ersetzen. Was ist ihr Ziel?

Die persönliche Beratung und der direkte Kundenkontakt sind die Stärken des stationären Handels und sollten daher auf keinen Fall ersetzt werden. Genau hier setzt unser Demonstrator an: Das Ziel – wie im Übrigen auch bei allen anderen Demonstratoren im Innovative Retail Laboratory – ist, den direkten Kundenkontakt zu unterstützen, nicht ihn zu ersetzen. Daher war das Ziel der intelligenten Frischetheke, nicht die eigentliche Interaktion zu verändern, sondern diese zu unterstützen, ohne dass sich der Kontakt zwischen Verkaufspersonal und Kunden ändert und ohne dass die Beteiligten sich mit neuartigen Technologien auseinandersetzen müssen. Durch unsere intelligente Sensorik und den Einsatz von KI-Methoden erleichtern wir die Interaktion, indem wir bei Aufgaben unterstützen, die aktuell noch knifflig sind, und bieten den involvierten Personen genau die jeweils benötigte Information, ohne dabei die natürliche Interaktion zu verändern.

 

Wie genau unterstützt die intelligente Theke den stationären Händler?

Durch intelligente Sensorik in Form einer 3D- beziehungsweise Tiefenbildkamera, wie sie beispielsweise auch bei Spielekonsolen verwendet wird, wird das Umfeld der Theke abgetastet und kartografiert. Durch den Einsatz von Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) kann aus diesen dreidimensionalen Bildern der Arm einer Person vor der Theke und die Zeigerichtung erkannt werden, und somit auch das Produkt, auf das gedeutet wird. Das ermöglicht beispielsweise, die gewünschte Ware direkt auf der Waage auszuwählen. Auf dem Bildschirm der Waage können außerdem weitere Informationen angezeigt werden, beispielsweise die Herkunftsregion, spezifische Eigenschaften des Produktes, oder auch welches Gericht oder welcher Wein zu dem ausgewählten Käse passt. Durch eine Projektion der Informationen direkt in die Glasscheibe der Theke, wie man es heute schon von sogenannten Head-Up-Displays in modernen Autos kennt, können auch mehrere Personen das System gleichzeitig und unabhängig vom Bedienvorgang an der Waage nutzen.

Ihre Idee richtet sich aber nicht nur an die Kunden, die als erste in der Warteschlange stehen, richtig?

Zusätzlich bieten wir den wartenden Kunden eine Möglichkeit, die Zeit effektiv zu nutzen, anstatt sich in der Schlange zu langweilen. Konkret: Durch die Instrumentierung kann nicht nur der Kunde, der gerade beraten wird, sondern auch die in der Schlange wartenden Kunden bereits selbstständig eine informierte Auswahl treffen. Durch die Vermeidung von Missverständnissen und die den Kaufwilligen bereits vorab zur Verfügung stehenden Informationen verbleibt mehr Zeit für eine effektive Beratung, was allen Beteiligten zugutekommt.

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