17. Februar 2021 | Feature, Retail Technology, Shopping Today

„Spieglein, Spieglein, sag mir, welcher Lippenstift passt am besten zu mir?“

von Julia Pott (exklusiv für EuroShop.mag)

Schon seit Jahren wird über Augmented Reality im Handel gesprochen. Dem ersten Tech-Hype von Augmented Reality (AR) folgte eine Dürreperiode – die Technik und die Nutzer war noch nicht so weit. Jetzt aber gibt es – neben der Möbel– und Modebranche – einen weiteren B2C-Retail-Sektor, in dem sich konkrete Use Cases herausbilden: die Beauty-Branche.

Eine Frau steuert mit Gesten eine App zum Kosmetik Ausprobieren

© Perfect Corp

Der stationäre Handel tut sich während der Corona-Pandemie mit Lockdowns und Hygienevorgaben generell schwer. Ein besonderer Fall ist dabei noch die Kosmetik- und Healthcare-Branche: Hier gehört das Ausprobieren der Produkte, oft im Gesicht – an hygienisch sehr sensiblen Stellen also – einfach dazu. Kunden wollen erleben, wie Kosmetika aussehen, riechen, sich anfühlen und zum Hautton passen. Und das während einer Viruspandemie? Schwierig …

Technologie kann – zumindest was den ersten Punkt betrifft, das Aussehen – Abhilfe schaffen. Mit dem eigenen Smartphone und einer Augmented-Reality-Anwendung können Kosmetik-Kunden zuhause Produkte testen und sich virtuell anschauen, wie der Lippenstift, der Lidschatten oder das Rouge im eigenen Gesicht aussehen würden.

Der große Vorteil für Kunden und Händler: Online kann zu jeder Zeit eine viel größere Auswahl zur Verfügung gestellt werden als im Geschäft, wo nur einige Produkte getestet werden können.

Social-Media-Kanäle: die perfekte Basis für AR-Nutzung?

Drei Screenshots aus der Pinterest-App

© Pinterest

Pinterest hat diesen Bedarf bei seinen Nutzern erkannt und ist auf diesen Zug aufgesprungen: : Mit der AR-Anwendung „Try On“, das über Google Lens funktioniert, können User nach eigenen Angaben über 4.000 Lidschatten-Produkte von Lancome, YSL, Urban Decay und NYX Cosmetics ausprobieren und dann beim Onlinehändler erwerben. Das ist ein attraktives Angebot mit Pinterests eigenen Funktionen wie Suchen, Filtern und personalisierten Vorschlägen. Für Lippenstifte gibt es das Angebot schon. Laut Pinterest interessieren sich ihre Nutzer deutlich häufiger für den Kauf, wenn sie das Produkt vorher virtuell ausprobieren konnte.

Auch Snapchat startete eine virtuelle Kosmetik-Anprobe gemeinsam mit dem taiwanesischen Tech-Unternehmen Perfect Corp. Marken sollen ihre Produkte über Snapchat Lens zur Anprobe bereitstellen können. CNBC meldete im Januar 2021, dass Snap, der Mutterkonzern von Snapchat, das Start-up Ariel AI erworben hat, die sich mit künstlicher Intelligenz, AR und 3D-Renderings von Personen in Echtzeit beschäftigen.

Auch Google hat sich mit Perfect Corp. sowie der L’Oréal-Gruppe zusammengetan. L’Oréals Firma ModiFace bietet Herstellern, Marken und Händlern Try-On-Tools mit AR-Technologie für Apps, Webseiten und Magic Mirrors. Die ursprünglich von der Stanford University entwickelte Anwendung ist nach eigenen Angaben eine der präzisesten Echtzeit-Video-Tracking- und -Analyse-Technologien für Mikromerkmale im Gesicht wie Hautton und -beschaffenheit, Falten, Augengröße und -farbe, Bewegungen und Gesichtsausdrücken. Je besser diese Technologien das physische Original erkennen und je hochwertiger die darüber gelegte AR-Animation ist, desto wertvoller und nützlicher werden diese Anwendungen. Und gerade da hat sich in den letzten Jahren einiges getan.

Instore-Lösungen mit Magic Mirrors

Eine Frau steuert mit Gesten eine App zum Kosmetik Ausprobieren

© Perfect Corp

Augmented Reality-Lösungen sind nicht nur kurzfristig während der Pandemie sinnvoll einsetzbar für das Ausprobieren zuhause. In stationären Geschäften wird wahrscheinlich auch langfristig ein Bedarf vorhanden sein. Dass unzählige Kunden im Laden dieselben Testproben auf ihrer Haut anwenden, war schon vor Corona vielen unangenehm und keine ideale Situation. Virtuelle Anproben können nicht nur physische Tester ersetzen, sondern es können auch beliebig viele Produkte gleichzeitig „auf- und danach wieder abgetragen“ werden. Und wie im Onlinehandel gilt: Durch die virtuelle Regalerweiterung kann den Kunden in Kosmetikgeschäften, Beauty-Salons und Drogeriemärkten die gesamte Produktpalette zur Verfügung gestellt werden, um sich vorab zu informieren und auszuprobieren.

Mit sogenannten Magic Mirrors, Smart Mirrors oder interaktiven Spiegeln kann das eigene Spiegelbild – wie online die eigene Kameraaufnahme – durch einen darunter liegenden Bildschirm um virtuelle Informationen oder Grafiken erweitert werden.

Perfect Corp wirbt mit seinen „touchless virtual makeup try-on solutions”, also mit berührungsfreien virtuellen Make-up-Anprobe-Lösungen für den stationären Handel auch zu Corona-Zeiten: Mit Gesten- oder Sprachsteuerung können Kunden die jeweiligen Programme kontaktlos bedienen, sich durch die Menüs bewegen und im Sortiment stöbern. Perfect Corps App „YouCam Makeup“, mit der Nutzer Makeup- und Kosmetikartikel zuhause testen können, läuft beispielsweise über Magic Mirrors auch in Stores. Die Anwendung kann dort laut einem Produktvideo per Touch, Geste oder Sprache gesteuert werden. Scannt der Nutzer einen QR-Code, kann er Produktinformationen und AR-Fotos vom eigenen Gesicht mit virtuellem Makeup auf sein Smartphone erhalten.

Auch Sephora und Douglas haben solche virtuellen Try-On-Anwendungen in einigen Stores. Das komplette Ausprobier-Erlebnis der Produkte können diese Magic Mirrors natürlich nicht ersetzen. Wie sich Produkte auf der Haut anfühlen oder riechen, lässt sich (noch) nicht virtuell nachstellen. Aber für viele Kaufentscheidungen bieten diese Lösungen schon eine gute Beurteilungshilfe. Und laut einer Umfrage von Nosto steigern sie tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden einen Kauf tätigen.

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