11. März 2021 | Retail Technology, Shopping Today

Omnichannel-Services bei Optikern

von Julia Pott (exklusiv für EuroShop.mag)

Onlineshopping wird immer beliebter, selbst für „Anprobe-Artikel“, die traditionell im stationären Handel verortet sind – neben Kleidung, Accessoires und Kosmetika sind das auch Brillen. Dadurch haben Virtual-Try-On-Lösungen in den letzten Jahren und Monaten in Onlineshops und auf Social-Media-Kanälen einen ordentlichen Schwung erhalten. Bei stationären und Online-Optikern haben wir uns die aktuellen Service-Angebote zur Anprobe mal angeschaut.

Brillen virtuell von zuhause aus anprobieren …

Eine Anleitung mit Bildern, von sich selbst ein kurzes Video aufzunehmen

© Screenshot www.misterspex.de

Ganz neu ist die Idee, eine Brille online „anzuprobieren“ nicht. Schon lange konnte man bei einigen Anbietern, beispielsweise bei dem Onlinehändler Brille24, Fotos seines Gesichts hochladen oder per Webcam aufnehmen, auf das dann die virtuelle Brille gesetzt wurde. Manko: Dabei hat der Konsument natürlich nur genau einen Blickwinkel und einen Gesichtsausdruck zur Verfügung.

Der nächste Schritt, mit dem einige Anbieter aktuell am Markt sind: Der Kunde nimmt per Web- oder Smartphone-Kamera ein kurzes 5-sekündiges Video von seinem Gesicht auf, schaut frontal in die Kamera, dreht den Kopf dann nach links und nach rechts und kann anschließend mit diesem – auch oft speicherbaren – Video verschiedene Brillenmodelle anprobieren; so zum Beispiel bei der britischen Optik-Einzelhandelskette Specsavers. Mit dem Cursor kann man hier den Kopf auf der Aufnahme hin und her bewegen, um den gewünschten Winkel anzusehen. Der Nachteil: Die Kopfbewegungen sind nicht frei gestaltbar.

Zwei Bilder einer Frau nebeneinander mit einer virtuellen Brille

Auch bei Mister Spex funktioniert die Anprobe wie bei Specsavers mit einem vorher aufgenommenen Video. Kunden können aber zwei Modelle optisch direkt miteinander vergleichen. // © beta-web GmbH

Mister Spex, ein deutscher Online-Optiker, der seit einigen Jahren auch viele stationäre Filialen öffnet, meldete im Dezember 2020, dass er das Berliner Deep-Tech-Unternehmen Tribe erworben hat, um gemeinsam KI-Anwendungen in der Augenoptik zu entwickeln. Tribe hatte für Mister Spex bereits Anfang 2020 die virtuelle Anprobe auf Instagram umgesetzt.

Andere Anbieter wie Pro Optik und Fielmann oder der britische Optiker VisionExpress verwenden für die virtuelle Anprobe ein Live-Video des Gesichts, sodass die Brille in Echtzeit „aufgesetzt“ wird. Bei einigen Brillenhändlern (beispielsweise Specsavers) dauert der Rendering-Prozess über 20 Sekunden. Oft geht die Verarbeitung aber sehr schnell, der Kunde hat innerhalb weniger Sekunden sein Live-Bild. Lediglich wenn er den Kopf stark kippt sowie an den Brillenbügeln kommen die Renderings an ihre Grenzen. Für einen ersten und guten optischen Eindruck reicht die Qualität aber allemal.

Ein kauf-entscheidender Faktor neben der Qualität des Renderings (und der Kameraqualität des Konsumenten-Endgeräts) ist die User Experience.

  • Wie groß ist die Auswahl an Brillen, die der Kunde virtuell anprobieren kann?
  • Erkennen Konsumenten schon in der Produktübersicht, welche Modelle zur virtuellen Anprobe verfügbar sind?
  • Wie schnell und bequem können Nutzer innerhalb der virtuellen Anprobe zwischen Brillenmodellen wechseln?
  • Wie gut sind die personalisierten Vorschläge, die dem Kunden gemacht werden?
  • Gibt es die virtuelle Anprobe auch mobil und wenn ja, wie gut ist dort die User Experience?
Eine Übersicht von zwölf verschiedenen Brillenmodellen

© Screenshot der App Glassif

Bei Apollo beispielsweise kann man „virtuelle Anprobe möglich“ als Kriterium in den Shop-Filteroptionen auswählen. Bei Mister Spex kann der Kunde innerhalb des Tools die aktuelle ausgewählte Brille nur mit vorher auf die Merkliste gesetzten Modellen vergleichen – oder mit ähnlichen Produkten, das sind manchmal zehn, manchmal aber auch nur eines.

… und auch online kaufen?

Wie Mister Spex investiert auch Fielmann in Unternehmen, die diese neuen Technologien für den Brillen-Markt hervorbringen. 2018 meldete Fielmann ein Investment in den Augmented-Reality-Anbieter FittingBox S.A. Fielmann ist zwar, was die Einbindung der virtuellen Anprobe-Funktion in ihren Onlineshops angeht, etwas hinterher. (Im österreichischen Onlineshop wird das Feature getestet, im deutschen ist es noch nicht verfügbar.) Dafür hat Fielmann darüber hinaus für sein Omnichannel-Angebot noch einiges vor:

Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben dabei, einen KI-gestützten Online-Sehtest zu entwickeln. Dann könnte tatsächlich die komplette Brillenbestellung – inklusive individuell angepasster Gläser mit Sehstärke – online stattfinden. In einem Interview mit t3n erklärt Marc Fielmann, Vorstandsvorsitzender der Fielmann AG: „Bei unserem Online-Sehtest […] verwenden wir neuronale Netze zur Sehstärkenbestimmung.“

Und ein weiteres Problem für viele Brillenkäufer geht Fielmann an: Wer eine sehr starke Sehschwäche hat, kann bisherige virtuelle-Anprobe-Services nicht nutzen, denn für diese muss der User die Brille abziehen. Anproben mit Live-Videos wären für diese Kunden also nicht nutzbar. Der Optiker arbeitet daher an einer virtuellen Brillenanprobe mit Brille. „Wir haben jetzt ein Computerprogramm entwickelt, das in Echtzeit die Brille aus dem Gesicht rendert und die ausgewählte Fassung in 3D aufsetzt, ohne dass die eigene Brille abgesetzt werden muss.“ Die Technologie sei praktisch fertig, erklärt Marc Fielmann im August 2020 gegenüber t3n, es müsse nur noch entschieden werden, wie und wo sie eingesetzt wird. Ob in der App oder in den Niederlassungen.

Diese Lösung wäre nämlich nicht nur für den Onlineshop relevant, sondern auch für das stationäre Geschäft: Auch hier müssen Brillenträger je nach Stärke sehr nah an den Spiegel herantreten, wenn sie eine neue Brille mit Fensterglas anprobieren. Da könnten Smart Mirror, die die eigene Brille „virtuell ab- und die neue virtuell aufsetzen“, Abhilfe schaffen.

Offline, Online oder Omnichannel?

Werden also bald auch sehr beratungsintensive Produkte wie Brillen mit Korrektionsgläsern online verkauft? Oder dienen diese Technologien nicht eher einer sinnvollen Verknüpfung von stationärem und Onlinehandel?

Der „Branchenbericht Augenoptik 2019/20“ vom Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen jedenfalls ermittelt die Verkäufe nach Kanälen wie folgt: 89 Prozent der Verkäufe finden rein stationär statt, nur 2 Prozent rein online und bei 9 Prozent der Verkäufe führte die Customer Journey sowohl durch den Offline- als auch den Online-Bereich. Auf Zahlen für die nächsten Jahre darf man gespannt sein.

Christophe Hocquet, ehemaliger CEO von Brille24, fasst den entscheidenden Punkt in einer Pressemitteilung gut zusammen: „Unsere Kunden unterscheiden nicht zwischen Online und Offline, sondern zwischen guten und schlechten Einkaufserlebnissen.“

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