15. April 2021 | Feature, Retail Technology, What´s new in Retail

Innovative Zahlverfahren auf dem Vormarsch

von Katja Laska (exklusiv für EuroShop.mag)

In Amerika oder Skandinavien ist das schon lange klar. Spätestens 2020 hat sich auch in Deutschland gezeigt: Kunden hängen doch nicht so sehr an ihrem Bargeld. Elektronisches, kontaktloses Bezahlen wird immer beliebter. Jetzt gehen viele Zahlungsanbieter noch einen Schritt weiter und wagen sich an biometrische Bezahlmöglichkeiten. Was tut sich gerade auf dem Markt?

Personalausweis abfilmen und dann noch das eigene Gesicht – Mit dem zweiten Schritt schließt die Telekom das online Selfie-Ident-Verfahren, die Identifikation seiner Kunden, ab. Die Lebendigkeitsprüfung und die Ausweisdokumente werden – voll automatisiert mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz – miteinander abgeglichen. Stimmen sie überein, kann sich der registrierte Kunde einloggen und weitere Dienste des Telekommunikationsanbieters nutzen.

Was fürs Kundenkonto funktioniert, kann auch zum Bezahlen der Einkäufe genutzt werden. Fakt ist: Das kontaktlose Bezahlen wird beliebter. In einer Mastercard-Studie aus dem ersten Quartal 2020 wurden Verbraucher aus 19 Ländern befragt. 79 Prozent von ihnen geben an, dass sie jetzt kontaktlose Zahlungen verwenden, wobei Sicherheit und Sauberkeit als Hauptgründe genannt wurden. Insbesondere ersteres verspricht der zusätzliche Einsatz biometrischer Merkmale. Die eigene Stimme, Augeniris oder der Fingerabdruck sind unverwechselbar und machen innovative Bezahlverfahren somit noch sicherer vor möglichen Betrugsmaschen, deswegen setzen Zahlungsdienstleister immer häufiger auf sie.

„Wie möchten Sie bezahlen: mit Fingerabdruck, Handfläche oder Gesichtserkennung?“

Fingerabdruck

KonstantinKolosov

©KonstantinKolosov

Samsung und Mastercard nehmen sich dafür den Fingerabdruck vor. Vor kurzem gaben sie bekannt, dass sie gemeinsam an einer Kreditkarte samt integriertem Fingerabdruckscanner arbeiten. Statt einen Pin einzugeben, reicht es bei der geplanten Karte aus, den Finger auf ein dafür vorgesehenes Feld zu halten und schon ist der Eigentümer der Karte verifiziert und der Kauf kann bezahlt werden. Die Chips werden von der Samsung-Sparte Samsung System LSI Business hergestellt. Die Karten kommen aus der Schmiede von Samsung Card und sollen an jedem Mastercard-Chip-Terminal oder POS-Terminal nutzbar sein. Der Rollout ist noch dieses Jahr in Südkorea geplant. „Auch die französische Bank BNP Paribas tüftelt gerade an einer solchen Karten-Lösung für ihre Visa-Karteninhaber. Der Launch ist noch 2021 geplant.

Handfläche

Der E-Commerce-Riese Amazon verzichtet seit letztem Herbst in zwei seiner Go-Filialen in Seattle ganz auf das Bezahlen via Karte. Bei der Nutzung des Bioauthentifizierungstools Amazon One reicht die Handfläche des Kunden für die Rechnungsbegleichung aus. Genauer: Kunden können sich beim erstmaligen Betreten des Geschäfts am Amazon-Go-Gerät anmelden. Dafür stecken sie zum einen ihre Kreditkarte in das Terminal und scannen von oben ihre Hand. Anschließend gilt es die Anweisungen zu befolgen, um Karte und Handabdruck digital miteinander zu verknüpfen. Sobald das passiert ist, kann man den Store per Handflächen-Scan, der etwa eine Sekunde dauert, betreten, am Ende des Einkaufs kann er so auch wieder verlassen werden. Da das System mithilfe des Scans auf die Kreditkarte schließen kann, wird so auch die Rechnung bezahlt. Aus Datenschutzgründen werden keine Handflächen dauerhaft auf dem Gerät gespeichert, sondern verschlüsselt in eine speziell dafür eingerichtete Cloud geladen und können beim nächsten Kundenbesuch wieder abgerufen werden. Um das Angebot nutzen zu können, braucht man übrigens kein Amazon-Konto, lediglich Mobilfunknummer und Kreditkarte.

Gesichtserkennung

Frau vor dunklem Hintergrund mit roten Laserstrahlen auf dem Gesicht; copyright

©monkeybusiness

Bezahlen mit dem eigenen Gesicht – in China ist das bereits Realität. Hier bedient man sich der biometrischen Gesichtserkennung, um Kunden zahlen zu lassen. Es gibt zwei Hauptdienste für Zahlungen dieser Art im Land: Zum einen Frog Pro des Messenger-Dienstes WeChat vom Technologie-Konzern Tencent. Im Geschäft scannt eine Kamera das Gesicht des Kunden. Die Zahlung wird über die Kontodaten abgewickelt, die er bei WeChat hinterlegt hat. Zum anderen ist AliPay mit seinem System Dragonfly uf dem Markt. Der Gesichts-Scan der POS-Geräte in den Geschäften arbeitet mit 3D-Kameras und künstlicher Intelligenz. Der Algorithmus zur Gesichtserkennung misst dabei die dreidimensionalen Informationen von menschlichen Gesichtern wie die Tiefe des Gesichts und die Höhe der Nase. Alipay nutzt für eine möglichst fehlerfreie Erkennung seiner Kunden mehrere hundert Gesichtsmerkmale.

Das Ganze funktioniert so: Kunden speichern vor der Nutzung ihre Foto-ID im System. Sobald der Kunde sein Gesicht vor den Scanner im Laden hält, sucht die KI nach Übereinstimmungen. Im nächsten Schritt gibt der Kunde dann seine Telefonnummer ein und die Zahlung wird akzeptiert. Ein Vorteil für Stammkunden: Die Gesichtserkennung an der Kasse ist in der Lage sich an sie zu „erinnern”. So können Händler mit Loyalty-Programmen arbeiten, aber auch das schlichte Bezahlen wird noch simpler: Der Kunde muss die Bezahlung nicht mehr zusätzlich per Handy autorisieren.  Identifizierung und Zahlung erfolgen nach dem Gesichtsscan in Sekundenschnelle automatisch. Beide Systeme sind derzeit in hunderten Einzelhandelsketten in China verfügbar. Auch Fast-Food-Riesen wie KFC arbeiten mit dieser Technologie.

Schnell, simpel, aber auch sicher?

Schnell, simpel, sicher – Das versprechen die biometrischen Lösungen. Insbesondere letztes Attribut wird bei der Gesichtserkennung kritisiert. Potenzieller Identitätsdiebstahl ist eines der befürchteten Szenarien. Dritte könnten beispielsweise versuchen, das System auszutricksen, indem sie ein Foto einer anderen Person stehlen und es vor die Kamera oder den Bildschirm halten. Dies wäre insbesondere bei Onlinezahlungen mittels der Dienste möglich. Darauf seien die Hersteller allerdings vorbereitet. Dragonfly sei in der Lage zu erkennen, ob die Person real ist oder es sich nur um ein zweidimensionales Bild handelt. Die Software ist so programmiert, dass sie auf Lebenszeichen wie ein Blinzeln oder eine Drehung des Kopfes achten.

Auch Datenschutz ist immer wieder Thema. Die Regierung sowie private Unternehmen könnten sich mit den Scans eine umfassende Biometrie-Datenbank aufbauen, die auch für andere Zwecke genutzt werden könnte. Die Technik wird auch in vielen anderen Bereichen in Chinagenutzt: Betreten von Bürogebäuden, Abschließen eines neuen Handyvertrags oder Einchecken am Flughafen sind einige Beispiele. Das Bezahlen per Gesichtserkennung könnte ein weiterer Schritt dazu sein. Ob sich dieses Verfahren auch in anderen Ländern so etablieren kann, bleibt abzuwarten.

Trotz Bedenken und verschiedener Standards innerhalb der Länder scheint sich eines herauszukristallisieren: Nach Kartenzahlung und Mobile Payment gehört die Zukunft solchen Zahlungslösungen, denn der Komfort und Mehrwert für die Kunden überwiegt. Der Trend scheint gekommen zu sein, um zu bleiben.

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