2. Februar 2022 | Interview, Leading Voices, Retail Marketing, What´s new in Retail

„Stadtlabore für Deutschland“ will Leerstände im Einzelhandel gezielt bekämpfen

von Kyra Molinari (exklusiv für EuroShop.mag)

Für die Kundinnen und Kunden ist Online-Shopping häufig der einfachere und bequemere Weg. Für die Innenstädte allerdings hat das vermehrte Leerstände zu Folge, durch die unsere urbanen Zentren langsam aussterben. Das Konsortium „Stadtlabore für Deutschland“ will dem mit innovativen Ideen und entsprechenden Lösungsansätzen entgegenwirken. Dabei soll eine digitale Plattform  für proaktives Ansiedlungsmanagement in Innenstädten entwickelt werden und so Standards für ein dialogorientiertes Miteinander im Vitalisierungsprozess von Stadtzentren geschaffen werden.

Im Interview erklärt Dr. Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung IFH KÖLN, wie die Arbeit des IFH in Zusammenarbeit mit 14 Modellstädten aussieht und welche Chancen sie dem Einzelhandel in Zukunft ausrechnet.

Warum wird das Thema Stadtmarketing heutzutage immer wichtiger?

Dr. Eva Stüber: Eine moderne Innenstadt muss entlang einer Strategie eine individuelle Positionierung erreichen, die sie attraktiv macht. Dabei geht es darum, welche Funktionen beziehungsweise Rollen erfüllt, welche Zielgruppen erreicht und wie die Innenstadt wahrgenommen werden soll. Dazu trägt ein multifunktionaler Anbieter-Mix bei, der neben Handel und Gastronomie, auch Kultur, Handwerk, Bildung, Gesundheit, Freizeit, Soziales, Dienstleistungen und auch Verwaltung nach der jeweiligen Positionierung berücksichtigt. Die Megatrends „klimafreundlich“ und „digital“ können hierbei auf verschiedenen Ebenen sichtbar werden: Von den Mobilitätsmöglichkeiten bei der Anreise bis zur gesteigerten Aufenthaltsqualität durch Begrünung oder die ressourcenschonende Auswahl über die App. Für die Kommune, aber auch alle Nutzergruppen steht kundenzentriertes, kooperatives und zielorientiertes Gestalten im Mittelpunkt.

Was möchte man mit dem Konsortium „Stadtlabore für Deutschland“ erreichen?

Stüber: Seit September 2021 arbeitet das „Stadtlabor Leerstand und Ansiedlung“ aktiv. Das Ziel ist die Vitalisierung der Innenstädte: Neue Konzepte für mehr Vielfalt und das Potenzial neuer Geschäftsmodelle können sich entfalten und für Bürgerinnen und Bürger werden echte Mehrwerte möglich. Basis hierfür ist eine digitale Plattform. Mit dieser kann nicht nur der Status quo in Sachen Leerstand eingesehen, sondern auch proaktives Ansiedlungsmanagement betrieben werden – ein Tinder für Innenstadtimmobilien. Neben der Entwicklung und Überprüfung der technologischen Basis werden der Dialog gefördert und eine gemeinsame Datengrundlage entwickelt, wodurch proaktiv Szenarien erkannt und damit vermeintlichen Leerständen entgegengesteuert werden kann.

Wie kam es zur Gründung des Konsortiums und warum ist Ihre Arbeit so wichtig?

Stüber: In einer vom damaligen Wirtschaftsminister initiierten Workshopreihe im Herbst 2020, die von Boris Hedde mitentwickelt und -gestaltet wurde, war Leerstandsmanagement eines der brennenden Themen. Die weiterentwickelten Gedanken wurden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz aufgegriffen und die Entwicklung und Umsetzung eines entsprechenden Lösungsansatzes beauftragt. Hierbei war klar, dass die Entwicklung nicht am Schreibtisch geschehen kann, sondern Modellstädte zur Verprobung an Bord sein müssen. Bei der Auswahl der Modellstädte war Heterogenität entscheidend: Eine gute Verteilung hinsichtlich Regionalität und Ortsgrößenklassen stellt sicher, dass die bei der Verprobung gesammelten Erkenntnisse eine hohe Aussagekraft für die Kommunen in Deutschland haben. Zudem spielten Innovationskraft und Schnelligkeit in der Umsetzung eine Rolle – schließlich steht für die Umsetzung des Vorhabens nicht viel Zeit zur Verfügung. Als Modellstädte sind dabei: Bremen, Erfurt, Hanau, Karlsruhe, Köln, Langenfeld, Leipzig, Lübeck, Lüneburg, Mönchengladbach, Nürnberg, Rostock, Saarbrücken und Würzburg.

Inwiefern stellt die Pandemie Sie bei Ihrer Arbeit vor veränderte oder besondere Herausforderungen?

Stüber: Nicht erst seit der Coronapandemie sind Innenstadtlagen gefordert und die Faktoren sind vielfältig: Der demografische Wandel, die Digitalisierung und das veränderte Konsumverhalten sowie Filialisierung, Großflächenkonzepte und steigende Mieten befeuern das Ladensterben. Die Pandemie beschleunigt diese Entwicklung. Dem begegnen wir mit einer entsprechend kurzen Projektlaufzeit: Bis Ende des Jahres laufen Entwicklung und Verprobung mit den Modellstädten, damit die Kommunen schnell in eine Lage der Steuerung versetzt werden. Ab 2023 steht dann der Roll-out deutschlandweit an.

Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?

Logo von "Stadtlabore für Deutschland"; Copyright: Stadtlabore für Deutschland

Quelle: Stadtlabore für Deutschland

Stüber: Plattform, Inhalte und Prozesse müssen sowohl den Anforderungen in den Kommunen entsprechen als auch in die vorhandenen Strukturen integrierbar sein. Die Kernaufgaben der 14 Modellstädte sind die Mitwirkung an der Entwicklung und die Verprobung der Plattform in den einzelnen Entwicklungsschritten. Die Schwerpunktsetzung der einzelnen Modellstädte orientiert sich hierbei am Status quo vor Ort. Dies ist auch bei den Individualprojekten sichtbar, die jeweils vor Ort laufen. Diese liegen beispielsweise im immobilienwirtschaftlichen Dialog, Analysen zu verschiedenen Frequenzmessverfahren, der Visualisierung von Daten und Entwicklung von 3D-Modellen, dem Aufbau von Früherkennungssystemen für Leerstand und strategische Fragestellungen zur Stadtpositionierung.

Wie werden die Lösungsansätze, die in dem Konsortium entwickelt werden, umgesetzt?

Stüber: Die Erkenntnisse aus der Verprobung fließen in die nächsten Entwicklungsschritte ein. Die aus den Individualprojekten gewonnenen Erkenntnisse werden den anderen Modellstädten zur Verfügung gestellt und bei einem entsprechenden Mehrwert in die Plattform und die Vorgehensweise integriert. Das gemeinsame Lernen steht an erster Stelle. Insgesamt ist die Arbeitsweise im Projekt dialogbasiert und agil.

Konnten Sie schon erste Projekte umsetzen? Wenn ja, welche Erfahrungen konnten Sie dabei sammeln?

Stüber: Im Projekt wird, wie gesagt, agil gearbeitet, um schnell zu lernen und Dinge zu verbessern. So wurde bereits in einer sehr frühen Projektphase im vergangenen Jahr der Prototyp ausgerollt, der erste Funktionalitäten zum Leerstands- und Gewerbeflächenmanagement umfasst. Für die Modellstädte gibt es dazu entsprechende Schulungen, schon erhobene oder vorhandene Leerstands- und Gewerbeimmobiliendaten wurden eingelesen und der Test vor Ort läuft. Klar ist: Die Plattform allein wird nicht funktionieren. Ebenso entscheidend sind die entsprechenden Daten und die Menschen, die sich mit der Ansiedlung beschäftigen. Die Weiterentwicklung der Plattform erfolgt kontinuierlich auf Basis der Anforderungen und Feedbacks aus den Modellstädten, die systematisch erfasst und gesammelt werden.

Welche Vorteile bieten sich durch das Projekt speziell für den Einzelhandel?

Stüber: Handel vor Ort ist dann leichter zu betreiben, wenn er in ein attraktives Umfeld eingebettet ist. Durch die Steuerungsmöglichkeit der digitalen Plattform kann dieses Umfeld geschaffen werden. Somit wird die Geschäftstätigkeit erleichtert. Zudem wird auch die Expansion im Bereich der Standortauswahl vereinfacht und Optionen für Zwischennutzung sichtbar, was neben Geschwindigkeit auch eine neue Flexibilität mit sich bringt, die heutzutage besonders gefragt sind.

Welche Möglichkeiten und Chancen sehen Sie für den Einzelhandel, wenn die Pandemie vorbei ist oder zumindest abflacht? Denken Sie, der Handel wird sich erholen?

Stüber: Unabhängig von der Pandemie war der stationäre Handel in einer Transformationsphase – die Entwicklungen laufen zurzeit beschleunigt ab. Für Händlerinnen und Händler gilt es daher, weiter konsequent an ihren Geschäftsmodellen zu arbeiten und die Leistungsversprechen an die vorherrschenden Bedürfnisse anzupassen. Trotz zunehmender Online-isierung wird es dabei auch weiterhin Handel vor Ort geben – nur eben mit neuen Konzepten, bei denen nicht mehr ausschließlich die Produkte im Fokus stehen. In Zeiten mit geringeren Infektionszahlen wird dann auch Druck vom Handel genommen, der durch die Umsetzung der Hygienemaßnahmen entsteht und gleichzeitig entsteht mehr Raum für Aktivitäten wie Workshops und Dienstleistungen, was der Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle dient.

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