5. August 2018 | Interview, Retail Marketing

„Die Zeitfenster-Zustellung am Abend ist der Renner“: Interview mit Arne Schulke, Professor for Management Control & Leadership

Nur wenige lokale Einzelhändler trauen sich an die Lieferung am selben Tag heran. Sie sollten ihre „Bauernschläue nutzen“, rät Logistikexperte Arne Schulke von der iubh Internationale Hochschule. Er gibt praktische Tipps, für wen sich der Service lohnt und wie die Waren geschickt zum Kunden gelangen.

Prof. Schulke, warum bieten so wenige kleine Einzelhändler Same-Day-Delivery (SDD) an?

Tja, das habe ich mich in den letzten Jahren selbst häufig gefragt. Sie verpassen meiner Ansicht nach eine große Chance, denn sie erkennen einfach nicht den Mehrwert dieses Angebots.

Was ist denn der Mehrwert?

Ganz einfach: den Kunden die Wahl zu lassen, ob sie den Service nutzen möchten. Damit können sich Einzelhändler insbesondere gegen den Marktführer Amazon behaupten.

Wo hakt’s denn genau?

Den kleinen lokalen Einzelhändlern fehlt zum einen das Grundverständnis für den Kunden. Da ist Amazon jedem kleinen deutschen Einzelhändler eben meilenweit voraus. Zum anderen fürchten sie den technologischen Aufwand. Dabei ist das gar keine hohe Wissenschaft.

Professor Arne Schulke © iubh

Professor Arne Schulke © iubh

Was brauche ich aus technologischer Sicht, um SDD anbieten zu können?

Ich brauche nur einen Webshop, der an das Warenwirtschaftssystem angebunden ist. Die nötigen Funktionen sind heute mit minimalem Aufwand machbar.

Ihr Tipp?

Händler müssen sich von dem Gedanken trennen, dass die Lieferung ganz schnell gehen muss. Sondern im Gegenteil: Es muss dem Kunden passen. Wir haben festgestellt, dass Kunden die Lieferung gar nicht unbedingt innerhalb von zwei Stunden erhalten wollen, sondern vor allem, wenn sie zu Hause sind.

Dementsprechend ist die Zeitfenster-Zustellung am Abend der Renner. Alles zwischen 18 und 21 Uhr. Das kommt natürlich dem Konzept sehr gelegen, weil Händler konsolidieren und Tourenplanung betreiben können. Dann beginnt das Ganze, sich zu rechnen.

Wenn die Technologie demnach nicht das Problem ist, dann muss es ja die Auslieferung sein, die Angst bereitet. Gar nicht, denn das ist nicht ihr Kerngeschäft. Sinnvollerweise schauen sie einfach mit ein bisschen Bauernschläue nach jemandem, der das für sie macht.

Zum Beispiel?

Das asiatische Restaurant bei mir gegenüber liefert abends ab 18.00 Uhr ohnehin immer aus. Dann könnte ich doch einen Deal machen, dass deren Fahrer nebenbei meine Bestellungen ausliefert zu einem attraktiven Preis. Solchen bestehenden Strukturen kann ich mich relativ einfach einhaken. In jeder Großstadt gibt es ganz viele unterschiedliche Auslieferungen.

Wie sieht eine mögliche Abwicklung an einem Tag aus?

Ich kann einfach jeden Tag um 17.00 Uhr meine Onlinebestellungen bearbeiten, mache sie versandfertig und übergebe sie dann an den Dienstleister. Die Zeitfenster-Zulieferung kann ich zusätzlich anbieten.

In welchen Bereichen lohnt sich SDD besonders?

Gerade im Bereich Convenience ist es heute fast Selbstmord, wenn man den Service nicht anbietet. Die SDD wird gern gewählt, wenn es um schwere oder voluminöse Dinge geht. Und im Lebensmittelbereich – da ist die Marge allerdings sehr gering. Den Kunden spart das die Schlepperei. Gerade für ältere Menschen ist das ein Mehrwert – und der lässt sich immer mit vermarkten.

Grundsätzlich muss nicht jeder Einzelhändler SDD umsetzen. Das rechnet sich nicht für alle. SDD funktioniert nur über kleine Distanzen. Same-Day-Delivery ist ein sehr hartes Geschäft. Kostendeckend kann ich das nur in Ballungsgebieten abdecken. Sie müssen irre gut kalkulieren und konsolidieren.

In ländlichen Gegenden klappt das also nicht?

Nein. Als Betriebswirt sage ich Ihnen auch, dass das so bleiben wird. Dafür sind wir Deutschen einfach zu geizig.

Was sind Kunden denn bereit zu zahlen?

Die Zahlungsbereitschaft der Kunden für Same-Day-Delivery liegt bei unter fünf Euro Aufschlag. Das ist wenig und gelingt demnach nur in Ballungsgebieten kostendeckend. Wenn die Auslieferung allerdings gut konsolidiert und geplant ist, kann der Service gelingen.

Interview: Natascha Mörs
zuerst veröffentlicht auf iXtenso – Magazin für den Einzelhandel

Tags: Lieferkettenmanagement, Lieferung, stationärer Einzelhandel

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