Künstliche Intelligenz erfolgreich nutzen
13. Februar 2019 | Exhibitor´s Corner, Interview, Retail Technology

Interview mit Dr. Jan Thomsen, Managing Director / Geschäftsführer SimCog Technologies GmbH

Der Hype rund um das Thema künstliche Intelligenz (KI) hält nun schon einige Jahre an. Welche Use Cases haben sich Ihrer Meinung nach im Retail bisher schon technologisch durchgesetzt und warum?

Der Nutzungsgrad von KI ist von Unternehmen zu Unternehmen sehr verschieden. Prognosen, die leicht operativ genutzt werden können, haben sich meiner Meinung nach am schnellsten durchgesetzt, wie zum Beispiel die Bevorratung von Filialen oder die Identifikation von Produkten, die sich deutlich schlechter verkaufen als erwartet. Simulationsmodelle, die die Effekte von Rabattierungen oder Werbeaktionen prognostizieren können, werden nur selten eingesetzt, obwohl der Nutzen oft höher ist. Ich denke, das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Modelle muss dazu erst noch wachsen.

Welche technischen Herausforderungen ergeben sich insbesondere in Ihrem Fachgebiet, Predictive Analytics, für den Retail?

Im Vergleich zu anderen Branchen ist die Datenlage im Bereich Retail häufig sehr gut, daher bietet sich der Einsatz von KI an. Auf der anderen Seite ist der Lebenszyklus eines Produktes, insbesondere im Bereich Mode, relativ kurz. Die Herausforderung ist in diesem Fall, von vergleichbaren Produkten zu lernen und so auch für neue Produkte die Saison-, Werbe- und Preisabhängigkeit möglichst schnell und präzise zu prognostizieren.

Wo sehen Sie technologisch die interessantesten Entwicklungsfelder im Bereich der künstlichen Intelligenz?

Ich denke, wir sehen in der Anwendung gerade einen Wechsel von reinen Prognosealgorithmen hin zu den interessanteren, simulationsbasierten Tools. Diese Tools können den Einfluss von zum Beispiel Preisänderungen unter den jeweiligen Bedingungen simulieren und so wichtige Entscheidungshilfen geben. Abgesehen von der reinen Anwendung finde ich den Vergleich von menschlichem und maschinellem Lernen sehr interessant. Ich denke auch, dass die Zielfunktionen, anhand derer die Maschine entscheidet, ob eine Lösung besser ist als eine andere, in Zukunft deutlich komplexer werden.

Wo sehen Sie aktuell Grenzen der Technologie? Wo sehen Sie ungenutzte Chancen für den Retail?

Das größte Problem ist, dass KI in der normal verwendeten Form bei stark veränderten Bedingungen unsinnige Aussagen liefern kann ohne zu erklären, dass die Antwort unsicherer ist als sonst. Solange die KI nicht mitliefert, ob sie sich einer Aussage sicher ist, wird die KI zu Recht in vielen Bereichen nicht akzeptiert werden. Im Bereich Retail gibt es allerdings jeden Tag so viele Entscheidungen zu fällen, dass es in naher Zukunft keinen Mangel an interessanten Fragestellungen gibt. Insbesondere im Bereich der Preisoptimierung sehe ich im Handel viel Potential.

Welche Technologie werden Sie in den nächsten Jahren im Bereich der künstlichen Intelligenz ganz besonders im Auge behalten?

Aus technischer Sicht werde ich besonders nach Entwicklungen Ausschau halten, die das Maß an Unsicherheit einer Prognose besser abschätzen können. Politisch ist es sicher interessant zu sehen, ob AI-Bots noch mehr zur Meinungsmache eingesetzt werden und wie man die Demokratien davor schützen kann.

Allgemeine Informationen zu Dr. Jan Thomsen
Physiker mit Studium in Heidelberg und Hamburg, Promotion am CERN. Seit 2009 Spezialist für Predictive Analytics. 2012 Mitgründer der SimCog Technologies GmbH.

Weitere Informationen auf https://simcog.de/

Tags: EuroCIS, EuroCIS 2019, Künstliche Intelligenz, Retail Technology

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