27. März 2020 | Food Service Equipment, Gastbeitrag, Retail News

Von Ende Februar bis zur vergangenen Woche haben sich die Umsätze des Lebensmitteleinzelhandels ausgesprochen positiv entwickelt. Zunächst waren vor allem die Vorratskäufe für diese Umsatzimpulse verantwortlich, dann kamen aber Schritt für Schritt andere Effekte hinzu. Vor allem der Wegfall vieler Möglichkeiten des Außer-Haus-Verzehrs zeigt dabei Wirkung. Mit gigantischen Auswirkungen.

In der vergangenen Woche wurde vereinzelt von Umsatzverdoppelungen gegenüber dem Vorjahr berichtet, insgesamt lag der Umsatzzuwachs im hohen zweistelligen Bereich. Während die Hamsterkäufe nun zurückgehen, bleiben die Effekte aus der Schließung zahlreicher Versorgungseinrichtungen aber zunächst bestehen.

Wenn Mensen, Kantinen, Restaurants und die Nonfood-Händler mit guten gastronomischen Angeboten schließen, muss der Lebensmitteleinzelhandel die gesamte Versorgung der Bevölkerung allein übernehmen. Auch wenn die Hamsterkäufe – zumindest für einige Artikel – jetzt nachlassen und die Umsätze dieser Woche teilweise schon deutlich unter das Niveau des Vorjahres fallen, bleibt für den LEH zunächst eine große Herausforderung. Fast der gesamte Markt der Außer-Haus-Versorgung muss zumindest vorübergehend anders bedient werden.

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Rund 80 Mrd. Euro inkl. Umsatzsteuer haben die Bundesbürger nach Angaben des statistischen Bundesamtes und Schätzungen des EHI im Jahr 2019 für Außer-Haus-Konsum* insgesamt ausgegeben. Supermärkte, Discounter, SB-Warenhäuser und kleine Lebensmittel-Geschäfte erzielten dagegen im Jahr 2019 mit gut 175 Mrd. Euro brutto etwas mehr als den doppelten Umsatz.

Supermärkte, Discounter und Co. sind damit in normalen Jahren für gut zwei Drittel der Nahrungsmittelversorgung in Deutschland verantwortlich. Mit abnehmender Tendenz, denn in den vergangenen 10 Jahren wächst der Außer-Haus-Markt deutlich stärker als der Lebensmittelhandel insgesamt. Es wird vielfach sogar erwartet, dass sich die Marktverhältnisse an die Vereinigten Staaten angleichen. Dort liegt der Anteil der Außer-Haus-Verpflegung bereits bei etwa 50 Prozent.

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Insgesamt erwirtschaftet der Einzelhandel hierzulande einen Jahresumsatz von rund 10 Mrd. Euro mit seinen Versorgungskonzepten in den Vorkassenzonen, mit To-Go-Convenience und mit echten gastronomischen Angeboten auf der Fläche. Bisher bleibt der Marktanteil des Einzelhandels mit einem Umsatzanteil von gut 12 Prozent am gesamten Außer-Haus-Markt aber gering.

Der Lebensmitteleinzelhandel erzielt hierzulande einen jährlichen Außer-Haus-Umsatz von gut 5,6 Mrd. Euro. Mit gerade einmal gut 7 Prozent ist er damit nur in überschaubarer Form am Gesamtumsatz des Außer-Haus-Marktes beteiligt. Und auch der Rest des deutschen Einzelhandels schafft es nicht, mit mehr als 4,4 Mrd. Euro am gesamten Markt des Außer-Haus-Verzehrs zu partizipieren. Nur Shopping-Center, Tankstellen, Möbel- und Baumärkte sowie die Warenhäuser schaffen es, in diesem Markt überhaupt relevante Umsätze zu erzielen.

Zwar hat der Trend zum Außer-Haus-Konsum im Handel viel Beachtung gefunden, ein großes Potenzial bleibt aber für die Händler bisher unerschlossen. In unseren Nachbarländern wird teilweise viel intensiver an der Erschließung des Außer-Haus-Marktes durch den Lebensmittelhandel gearbeitet. Allen voran die niederländische Jumbo-Gruppe, die sich gerade zur Pilgerstätte für Lebensmittler aus ganz Europa auf der Suche nach Antworten auf für zunehmenden Außer-Haus-Verzehr entwickelt hat.

Nun erleben unsere Lebensmittelgeschäfte die ganze Wucht dieses Marktsegmentes. Wenn in ganz Deutschland Mensen, Kantinen, Bistros und Restaurants geschlossen sind und auch Möbel- und Warenhäuser, sowie die Baumärkte und Shopping-Center ihr Außer-Haus-Angebot nicht mehr anbieten können, müssen die Lebensmittelhändler nun die gesamte Last der Versorgung der Bevölkerung alleine tragen. Quasi über Nacht wächst der Markt der Discounter, Supermärkte und SB-Warenhäuser um 50 Prozent von 175 Mrd. Euro auf 255 Mrd. Euro. Zunächst natürlich eine gute Nachricht, aber eben auch eine gigantische logistische Herausforderung für die gesamte Branche.

Dabei wird es zumindest vorübergehend erhebliche Verschiebungen in den Verzehrgewohnheiten geben. So werden aktuell eben nicht die frischen Fertiggerichte, die die Kunden des Außer-Haus-Marktes üblicherweise kaufen, im Supermarkt mit besonderer Intensität nachgefragt. Nein, auch diese Kunden steigen auf einfache und haltbare Basislebensmittel um, zumindest zunächst. Convenience-Produkte werden ja auch aktuell weniger gebraucht. Die Menschen sind aus unterschiedlichen Gründen viel mehr zuhause, sie haben mehr Zeit, auch zum Kochen.

Aktuell ist ganz deutlich spürbar, wie stark die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Bereichen sind. Aber auch ohne Corona-Krise haben Lebensmittelhändler schon häufiger die Verschiebungseffekte aus dem Außer-Haus-Markt beobachten können. So z.B. in der Finanzkrise, wo die Schließung großer Firmenkantinen den ortsansässigen Lebensmittelhändlern zweistellige Umsatzzuwächse beschert haben.

Solange also große Teile der Außer-Haus-Gastronomie in der aktuellen Situation nicht öffnen können, kommt auf die Lebensmittelmärkte auch ohne Hamsterkäufe ein großes Stück an zusätzlicher Arbeit zu. Bisher haben die Unternehmen die Aufgaben bestens gemeistert. Die Versorgung ist sichergestellt und zeitlich begrenzter Verzicht auf das eine oder andere Produkt kann jeder verschmerzen. Bleibt zu hoffen, dass die Krankenquote nicht noch weiter ansteigt. Im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Laden am Laufen halten, aber auch im Sinne von uns allen.

Diese aktuellen Entwicklungen machen aber auch ganz deutlich, dass bei der Definition von Märkten in der Ernährungsbranche ein breiter Ansatz zwingend notwendig ist. Natürlich stehen die Lebensmitteleinzelhändler mit Fast-Food-Ketten, Restaurants und Kantinen im Wettbewerb. Auch wenn sie nicht die gleichen Produkte anbieten, am Ende geht es doch immer um Ernährung oder schlicht um Kalorien. Ob der Kunde einen Burger in der Systemgastronomie kauft oder eine Tiefkühl-Pizza im Supermarkt, das macht wenig Unterschied. Die immer wieder zitierten hohen Konzentrationsquoten des Lebensmitteleinzelhandels müssen vor diesem Hintergrund auch anders eingeschätzt werden. Es ist eben ein großer Unterschied, ob der Gesamtmarkt für Lebensmittel 175. Mrd. Euro groß ist oder mehr als 255 Mrd.

*Verpflegung, bei der sowohl die Zubereitung als auch der Konsum außerhalb des eigenen Privathaushalts stattfindet.

Gastautor: Michael Gerling, Geschäftsführer EHI Retail Institute, Köln, www.ehi.org

Tags: Einkaufsverhalten, Gastronomie, Lebensmitteleinzelhandel, stationärer Einzelhandel

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