13. Juli 2021 | Feature, Retail Technology, Shopping Today

Die Ware selbst scannen, bezahlen und den Store auf schnellstem Wege verlassen: Der naht- und kontaktlose Checkout hat in der Corona-Krise einen eindeutigen Bedeutungsschub erhalten. Die EHI-Session „Seamless Store” lieferte dazu aktuelle Best-Practice-Beispiele aus dem Handel.

Der pandemiebedingte Digitalisierungsschub, Hygienemaßnahmen und die Sorge vor Ansteckung beflügeln die Verbreitung und die Kundenakzeptanz von Self- Checkout- und Self-Scanning-Anwendungen im Einzelhandel, wie aus der aktuellen EHI-Studie „Technologie- Trends im Handel 2021“ hervorgeht. Ob Shipfrom- Store, Tap & Go, Scan & Go, Grab & Go oder vollständig autonome Filialen – Handelsunternehmen testen und pilotieren innovative Lösungen für ein nahtloses Einkaufserlebnis aktuell eifrig in der Praxis. Eine Blaupause für alle Anwendungsfälle wird es dabei nicht geben, so ein Fazit der EHI-Session „Seamless Store“. Vielmehr müsse jedes Handelsunternehmen individuell entscheiden, welche Lösung zu ihm und seiner Kundschaft passt.

Der niederländische Lebensmittelhändler Jumbo rüstete seine herkömmlichen Einkaufswagen in einem Pilotmarkt mit der Shop & Go-Lösung von Walkout aus. Die Lösung des israelischen Start-ups erkennt mithilfe von Kameras und KI-basierten Bilderkennungsverfahren automatisch Waren, die der Kunde in den Wagen legt oder aus ihm entnimmt. Möglich wurde die Einführung über eine Integration in die Standardsoftware von GK Software auf dem Entwicklerportal Omnibasket des Softwareanbieters. Das Portal ermöglicht Unternehmen, sich in die Cloud-Plattform „Cloud4Retail“ von GK zu integrieren und die Businesslogik und Services mit ihren eigenen Lösungen zu verbinden oder die verschiedenen Touchpoints in den Stores mit ihren Anwendungen zu erweitern. Entwickler können einfache JavaScript-Anweisungen nutzen, um Webanwendungen etwa für die Zeiterfassung und angereicherte Artikelinhalte wie Augmented-Reality-Apps an den POS, den mobilen POS oder einen Kiosk anzubinden.

Vernetzt

Um digitale und stationäre Welten zusammenzuführen, kombiniert Scandit mobiles Barcode- Scanning und Texterkennung mit Augmented Reality (AR). Die Computer-Vision-Software des Zürcher Unternehmens, die u.a. bei Metro und dm-drogeriemarkt im Einsatz ist, zeigt über ein AR-Overlay Informationen zum Produkt, Angebote, personalisierte Werbeaktionen oder Preisvergleiche an. Die Funktion „MatrixScan“ erfasst dabei mehrere Barcodes auf einmal.

Mit dem Augmented- Reality-Overlay von Scandit lässt sich u. a. der Nutri-Score eines Produkts anzeigen. Foto: Scandit

Mit dem Augmented- Reality-Overlay von Scandit lässt sich u. a. der Nutri-Score eines Produkts anzeigen.
Foto: Scandit

Einen weiteren Ansatz für eine nahtlose Verknüpfung der On- und Offline-Kanäle stellten Romulus Grigoras, Gründer sowie CEO von Onestock, und Boris von Brevern, Consultant & Business Partner in Deutschland, in ihrem Vortrag vor: Intersport Frankreich hat im Zuge seines digitalen Wandels jedem Geschäft die Möglichkeit gegeben, seine Produkte direkt im Webshop von Intersport zu verkaufen, um das Angebot und die Lagermenge zu erhöhen. In diesem Zuge hat die Bekleidungsmarke die Order- Management-Lösung Onestock eingeführt. Das Tool vereinheitlicht die Lagerbestände der Geschäfte und ermöglicht es so, rund 90 Prozent der Produktpalette auf der Website zum Verkauf und für den Versand aus dem Geschäft anzubieten. Neun Monate nach der Implementierung von Onestock in Frankreich meldet Intersport eine Steigerung des Web-Umsatzes um 200 Prozent zwischen 2018 und 2019. Intersport und Onestock erhielten für das Projekt 2021 den „reta award“ des EHI.

Immer mehr Handelsunternehmen testen das Self-Scanning per Kunden- Smartphone, dabei kommen auch unternehmensübergreifende Apps wie Snabble oder Koala zum Einsatz, die Nutzenden den Einkauf bei mehreren Händlern über eine App ermöglichen sollen. Die Self-Scanning-Lösung Koala des gleichnamigen Startups ist aktuell bei den beiden selbstständigen Kaufleuten Struve in Hamburg und Meyer in Pinneberg sowie in zwei Hamburger Tchibo-Filialen installiert. Der Name Koala steht für „Kauf ohne Aufwand und langes Anstehen”. Der Kunde scannt den Strichcode der Ware mit der App selbst am Regal, kann den digitalen Warenkorb anschließend direkt im eigenen Handy bezahlen und den Store über eine speziell eingerichtete „Fastlane“ verlassen.

Ist auf dem gewünschten Produkt kein Strichcode, wie etwa bei Obst, reicht es auch, das Schild an der Warenauslage zu scannen. Damit nur bezahlte Einkäufe den Ausgang passieren können, generiert die App nach Bezahlung einen einmalig gültigen QR-Code, mit dem die Kundinnen und Kunden den Einkauf nachweisen oder in größeren Store-Formaten auch eine Schranke am Ausgang öffnen können. Zusätzlich helfen Stichproben, die Sicherheit zu erhöhen. Derzeit akzeptiert Koala neben Kreditkarte und abgesichertem SEPA auch Apple Pay, Google Pay und Paypal.

Im April hat die Nürnberger Filiale des Franchiseunternehmens Tee Gschwendner die mobile Self-Scanning-Lösung „Snabble“ eingeführt. Mit der App können Kunden beim Gang durch das Teefachgeschäft die Produkte mit ihrem eigenen Smartphone einscannen, gleich in der Einkaufstasche verstauen und in der Snabble-App bezahlen. Alternativ kann der Kunde seine Artikel auch an einem Terminal von Pyramid einscannen und bezahlen. Tee Gschwendner wollte Kunden, die keine intensive Beratung zu ihrem Tee wollen, die Möglichkeit für einen schnellen Einkauf bieten, berichtete Alexandra Tsingeni, Head of Business Development bei Snabble.

Altersverifikation

Auch der nahtlose – und vor allem möglichst kontaktlose – Einkauf gewinnt in der Krise an Bedeutung. Dies bestätigen zahlreiche Pilot-Projekte namhafter Händler wie Migros, Edeka oder Bünting. Alexander Hahn, CSO und Mitglied der Geschäftsleitung bei Pyramid, stellte in seinem Vortrag verschiedene „Konzepte der Zukunft“ vor, darunter den

Bestellt wird im vollautomatisierten Typy-Store in Düsseldorf per App oder vor Ort am Terminal. Foto: Typy

Bestellt wird im vollautomatisierten Typy-Store in Düsseldorf per App oder vor Ort am Terminal.
Foto: Typy

digitalen Selbstbedienungsladen Typy des Startups Campo, der im November 2020 im Medienhafen Düsseldorf eröffnet hat.

Lokale Partner beliefern den Flagship-Store täglich mit frisch zubereiteten Sandwiches, Bowls, Salaten und einer Auswahl an Smoothies. Dazu gibt es Kaffeespezialitäten. Kund:innen können den Einkauf rund um die Uhr in der Typy- App oder an Terminals der Firma Pyramid im Store zusammenstellen und bargeldlos bezahlen. Sie erhalten im Anschluss einen Abholcode, mit dem sie ihren Einkauf an einer Ausgabestation abholen können.

„Ein viel diskutiertes Thema in autonomen Stores ist die Altersverifikation“, sagte Alexandra Tsingeni. Bei dem personalfreien Tegut-Store „Teo“ erfolgt die Verifikation über Altersmerkmale über die Girocard am SCO-Terminal. Kauft der Kunde über die Snabble-App ein, muss er den ersten Einkauf ebenfalls am SCO-Terminal abwickeln. Danach kann das Altersmerkmal in der App gespeichert werden. Folgekäufe können dann ohne das Terminal abgewickelt werden. „Tabak wird zudem erst ausgegeben, wenn die Ware bezahlt ist“, betonte Alexandra Tsingeni. Der notwendige Jugendschutz wird dadurch gewährleistet, dass eine Zahlung in der App über Biometrie wie z.B. per Fingerabdruck-Freigabe erfolgt. Das bedeutet, dass nur die Besitzer:innen des Smartphones Einkäufe tätigen können.

Quelle: EHI, stores-shops.de

 

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