24. März 2020 | Interview, Retail Marketing, Young Professionals

Interview mit Prof. Stephan Erlenkämper von der Rheinischen Fachhochschule Köln

Die Zukunft ist omnichannel! Kaum ein stationärer Einzelhändler verzichtet heute noch auf eine Onlinepräsenz und Online-Giganten wie Zalando, Bonprix oder Mymuesli haben ihr Geschäft auch auf die Offline-Welt ausgeweitet. Doch es fehlt an Fachleuten, die sich in On- und Offlinehandel gleichermaßen sicher bewegen. Eben jenes Fachpersonal will der neue Bachelorstudiengang „Retail Management – Omnichannel“ der RFH Köln ausbilden. Wir sprachen mit Studiengangsleiter Prof. Stephan Erlenkämper.

Herr Erlenkämper, die RFH Köln bietet seit kurzem den Bachelorstudiengang „Retail Management“ an. Warum braucht man diesen Studiengang (inzwischen)?

Prof. Stephan Erlenkämper: Die Erforderlichkeit eines omnichannel-orientierten Studiengangs resultiert ganz unmittelbar aus den Herausforderungen, denen der Handel heute ausgesetzt ist. Online- und Offline-Handel funktionieren nicht mehr getrennt voneinander. „Onliner“ erkennen vermehrt, dass eine stationäre Präsenz Charme und durchaus Vorteile hat, und umgekehrt ist es nicht anders. Für Retailer, die diesen Wandel aktiv mitgestalten wollen, stellt sich die Frage, wie sich die jeweiligen Vorteile und Charakteristika der einen mit der anderen Welt kombinieren und zu einer für den Kunden überzeugenden Gesamtlösung zusammenführen lassen.

Ein freundlich lächelnder mann mit Hemd und Jacket

Prof. Stephan Erlenkämper // © privat

An dieser Stelle bieten die klassischen Ausbildungswege aber leider keine ausreichenden Antworten, da sie sich entweder auf den stationären Handelsbereich (handelsorientierte Ausbildung oder betriebswirtschaftliches Studium mit Schwerpunkt Handel) oder auf den Onlinebereich (Ausbildung oder Studium im Bereich (Wirtschafts-)Informatik) beziehen. Mit unserem Bachelorstudiengang „Retail Management“ versuchen wir, die für beide Seiten erforderlichen Qualifikationen zu verbinden.

Sie bieten den Studiengang sowohl als Vollzeitstudium als auch als dualen Studiengang an. Wo liegen die Vor- und Nachteile der beiden Optionen?

Der duale Studiengang richtet sich an Studierende, die beruflich bereits im Handelsumfeld tätig sind und sich im Bereich Omnichannel weiter qualifizieren wollen. Wir konnten sowohl Curriculum als auch Organisation des Studiengangs derart optimieren, dass sich die Anwesenheitszeiten auf ein Minimum reduzieren, zum Teil Prüfungsleistungen in den beruflichen Alltag integriert werden und das Studium ohne Unterbrechung der beruflichen Tätigkeit durchgeführt werden kann.

Die Vollzeitvariante des Studiums richtet sich an Schulabgänger oder Interessenten ohne handelsspezifische Berufstätigkeit und bietet den Charme und das Studentenleben eines klassischen Vollzeitstudiums. Allerdings ist es uns auch hier wichtig, dass unsere Studenten praktische Erfahrungen sammeln und gelernte Theorie praktisch reflektieren, beispielsweise durch Nebentätigkeiten. Daher ist ein vorlesungsfreier Wochentag garantiert.

Worin liegen die inhaltlichen Schwerpunkte des Studiums?

Unser Ziel ist es, den Studierenden ein Verständnis der On- und Offline-Handelswelt zu vermitteln. Dazu gehören wirtschaftswirtschaftliche Grundlagen in den Fachbereichen Analyse, Planung, Marktforschung, Marketing und Recht. Hinzu kommen spezifische Anforderungen, die nur im Offline-Handel (Visual Merchandising, Verkaufsraumgestaltung, Sortimentsplanung) beziehungsweise im Onlinehandel (Grundlagen Programmierung, Shopsysteme und Prozesse) gebraucht werden. Uns geht es insbesondere darum, dass die Studierenden die einzelnen Wissensbereiche zusammenfügen und so das „Große Ganze“ überblicken können.

Sie kooperieren mit der Kölner Retail Academy. Wie genau gestaltet sich diese Kooperation und was macht den Mehrwert für die Studierenden aus?
Wir sind sehr froh, diesen Studiengang mit der Retail Academy als Sparringspartner anbieten zu können. Für unsere Studenten ergeben sich daraus zwei große Vorteile: Zum einen lernen sie in den entsprechenden Disziplinen direkt von den Experten eines der führenden Beratungshäuser und können die erlernte Theorie ganz unmittelbar in der Praxis beobachten. Zum anderen ermöglicht die Kooperation den Studierenden, sich über die Academy schon frühzeitig mit der Handelswelt zu vernetzen.

Für welche Berufsbilder sind Absolventen nach Studienabschluss qualifiziert?

Unser Studiengang Retail Management B.A. qualifiziert für praktisch jede betriebswirtschaftliche Tätigkeit im handelsspezifischen Umfeld. Darunter fallen selbstverständlich die klassischen Stellen auf der Verkaufsfläche wie Abteilungs-, Markt- und Geschäftsleitungen, ferner Tätigkeiten in Produkt-, Category- oder Accountmanagement und insbesondere Aufgaben im Rahmen des Business Developments.

Ein Blick in die Zukunft: Wie, glauben Sie, wird sich die Arbeit im Handel weiterentwickeln und welche Kompetenzen werden besonders gefragt sein?

Die neuen Technologien bringen großartige Möglichkeiten mit sich, die alleinstehend aber allesamt keinerlei Wert schaffen. Der Kunde bleibt mir nicht treu oder generiert mehr Umsatz, weil ich als Händler irgendeine tolle Funktion biete, sondern weil ich sein Bedürfnis in herausragender Weise bediene. Ich muss also vom Kunden aus rückwärts denken – und da stehen beide Lager, die Stationären und die Onliner, noch vor ungelösten Herausforderungen.

Während sich der Kunde im stationären Handel bei Barzahlung noch hinter einer anonymen Kassenbon-Nummer verbirgt und gänzlich unerkannt bleibt, kann der Onlinehändler zwar jeden Click des Kunden in Echtzeit bedienen, weiß aber oftmals gar nicht, was er mit all den Daten denn nun anstellen soll – und eine persönliche Mensch-zu-Mensch-Kommunikation findet in den automatisierten Prozessen sowieso keinen Platz.

Meines Erachtens wird es eine Schlüsselqualifikation werden, „nein“ zu sagen: „Nein“ zum „viel-hilft-viel“-Ansatz. Als Händler kann ich nicht mehr jeder neuen Technologie nachlaufen, sondern ich muss von vornherein abschätzen können, ob und wie die Technologie dazu beitragen kann, den Wert meiner Leistung aus Kundensicht zu steigern.

 

Interview: Sonja Koller

EuroShop-Redaktionsteam

Tags: E-Commerce, Marketing, Omnichannel, Online-Shop, stationärer Einzelhandel

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