2. Juni 2021 | Feature, Interview, Retail Technology, What´s new in Retail

DHL Supply Chain setzt auf den Einsatz moderner Technologien, um höher werdenden Kundenansprüchen gerecht zu werden

von Elisa Wendorf (exklusiv für EuroShop.mag)

Auch auf die Logistik-Branche hat die Corona-Pandemie einen großen Einfluss genommen. Das Bestellvolumen in Online-Shops ist gestiegen, Kundenansprüche werden immer höher. Um das E-Fulfillment – die Gesamtheit aller Aktivitäten, die nach dem Abschluss eines Onlinekaufs zur Belieferung des Kunden durchzuführen sind – effizienter zu gestalten, setzt DHL Supply Chain auf moderne Technologien. Wir haben mit Dr. Dietmar Steins, EVP Global Solutions Design bei DHL Supply Chain, unter anderem über die Bedeutung von Transparenz in der Lieferkette sowie über Möglichkeiten zur Optimierung von Auftragsentwicklung und Lagerhaltung gesprochen.

Mann mit Brille guckt in die Kamera; Copyright: DHL Supply Chain

Dietmar Steins // © DHL Supply Chain

Herr Steins, vor welchen Herausforderungen steht das Supply-Chain-Management von E-Fulfillment-Operations zurzeit?

Dietmar Steins: Eine der zentralen Herausforderungen im Supply-Chain-Management ist Transparenz. Diese ist für alle Beteiligten in der Lieferkette sehr wichtig – für den Endkunden, den Online-Versender aber auch den Logistik-Dienstleister. Versender und Logistiker wollen die Bedürfnisse der Endkunden optimal erfüllen, da Kunden im Wettbewerb sonst abwandern. Dadurch entsteht ein hoher Termin- und Kostendruck. Denn: Im E-Commerce ist alles relativ leicht vergleichbar, sowohl Produkte als auch Preise und Lieferzeiten. Für Online-Versender ist Transparenz in der Lieferkette aber auch aus einem anderen Grund ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Wenn man Arbeitsschritte in Echtzeit abbilden kann, kann man Lagerhaltungen besser planen und Artikel gemäß ihrem Bedarf vorhalten. Auf Basis der Daten können dann Vorhersagen – zum Beispiel über das Kundenverhalten – getroffen werden. Letztendlich unterstützt Transparenz in der Lieferkette dabei, Zeit, Kosten und Qualität zu optimieren.

Es gibt aber natürlich auch weitere Herausforderungen: Die Blockade des Suezkanals hat gerade erst gezeigt, dass Lieferketten resilient sein müssen. Nicht alles kommt aus dem Lager von nebenan. Das stellt vor allem global betrachtet eine Herausforderung dar, bei der der Einsatz von Software und Analyse-Tools helfen kann.

Welche Tools setzen Sie in diesem Rahmen ein?

DHL Supply Chain setzt auf verschiedenste Lösungen, um die Transparenz der Lieferkette sicherzustellen und um das Management der Lieferketten zu betreiben. Mithilfe unseres Services Everstream Analytics können wir globale Supply Chains betrachten und hinsichtlich ihrer Risiken analysieren.

Um die Nähe zu den Absatzmärkten zu optimieren, haben wir zudem das sogenannte European Fulfillment Network aufgesetzt. Hierbei handelt es sich um eine Netzwerklösung, bei der wir den Online-Versendern flexible und leicht skalierbare Lagerkapazitäten in unterschiedlichen europäischen Märkten zur Verfügung stellen, um ihr Fulfillment zu optimieren. Wir können Kunden dort sehr schnell anbinden und mit relativ wenig Aufwand aufschalten, sodass die Online-Shops noch schneller, teilweise sogar taggleich, in ihre europäischen Absatzmärkte liefern können.

Um das E-Fulfillment für Onlineshops zu verbessern, haben Sie die Plug and Play-Softwarelösung IDEA entwickelt. Was genau zeichnet E-Fulfillment aus und warum ist der Einsatz einer Software-Lösung hier sinnvoll?

Die Software-Lösung IDEA hilft dabei, E-Fulfillment-Lösungen effizienter zu gestalten. E-Fulfillment meint dabei die Kommissionierung und Versandabfertigung im Onlinehandel, bei der dafür gesorgt wird, dass Kunden die Produkte erhalten, die sie online bestellt haben. E-Commerce ist demnach der ganze Handel, und E-Fulfillment das, worauf wir uns als Logistiker in der Regel konzentrieren, indem wir nach dem Auftragseingang die Order zusammenstellen und dafür sorgen, dass diese zeitgerecht verschickt und zum Kunden ausgeliefert werden.

Der Einsatz der IDEA-Software ist in solchen E-Commerce-Lägern mit sehr kurzfristigen Versandzeiten sowie vielen verschiedenen, teilweise schnell drehenden Artikeln hilfreich. Die Software unterstützt dabei, diesen hohen Anforderungen gerecht zu werden und die Fristen der Versendung mit effizientem Einsatz von Ressourcen einzuhalten.

Welche Rolle spielen moderne Technologien in der Lagerlogistik allgemein betrachtet?

Moderne Technologien spielen eine entscheidende Rolle. Der Wettbewerb ist hart, alle Marktteilnehmer kämpfen um Marktanteile. Effizienz, Vorhersagbarkeit und Kostensenkungen sind große Themen. Wir bei DHL Supply Chain haben eine strategische Agenda: „Accelerated Digitalization”. Diese hat zum Ziel, unsere mehr als 2000 Standorte weltweit mit den modernsten Technologien auszustatten. Das sind auf der einen Seite Algorithmen wie IDEA, aber auf der anderen Seite auch Hardware-Themen, wie kollaborative Roboter, die mittlerweile auch für die Logistik interessant geworden sind. Dazu zählen zum Beispiel Indoor-Transport-Roboter oder auch Roboter, die den Kommissionierprozess unterstützen. Sehr effizient sind auch sogenannte „wearable devices“, mit denen wir unsere Lagermitarbeiter ausgerüstet haben, um Arbeitsschritte digitalisiert abzuwickeln und papiergestützte Prozesse zu vermeiden.

All dies ist wichtig, weil wir uns in den Bereichen Qualität, Zeit und Kosten immer weiter verbessern wollen. Das heißt aber nicht, dass wir den Menschen durch Technik ersetzen wollen. Es geht darum, repetitive und schwere Tätigkeiten zu reduzieren und die Arbeitsplätze so attraktiver zu gestalten.

Lager von DHL von innen; Copyright DHL Supply Chain

© DHL Supply Chain

Was hat sich im Supply-Chain-Management im Vergleich zu den 2000er Jahren verändert?

Insbesondere haben sich die Kundenansprüche verändert. Jeder Endkunde erwartet heute den Premium-Service und wünscht, dass seine Bestellung am liebsten noch am gleichen Nachmittag ausgeliefert wird. Die Transparenz des Sendungsstatus ist da enorm gefragt. Die Corona-Pandemie hat das Ganze sicherlich noch mal verstärkt, weil mehr Menschen online einkaufen.

Generell hat sich allein in Deutschland der Umsatz des Onlinehandels von 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 72 Milliarden Euro im Jahr 2020 vervielfacht. Hier muss man bedenken: Mit jedem neu angebundenen E-Commerce-Shop wird die Erwartungshaltung der Endkunden auch an das Supply-Chain-Management herangetragen. Den gestiegenen Kundenansprüchen gerecht zu werden, wird also immer relevanter.

Darüber hinaus haben wir zunehmend globalere Lieferketten. Das steigert die Komplexität. Auch die Technologien wechseln und werden leistungsfähiger, Robotik hat in der Logistik Einzug gehalten.

Auch dem Bereich ESG – Environmental, Social & Governance – wird zunehmend mehr Beachtung geschenkt. Das Lieferkettengesetz beispielsweise erweitert die Haftung für das Verhalten vorheriger Akteure in der Supply Chain. Ich denke, dass das auch in Zukunft Anforderungen an unsere Kunden stellt, bei denen wir sie unterstützen können.

Wie stellen Sie sich die Logistikarbeit und das E-Fulfillment der Zukunft vor?

Ich gehe davon aus, dass die Trends sich weiter verschärfen werden. Es wird einen noch größeren Qualitätsanspruch geben, Auslieferungszyklen werden sich weiter verkürzen. Ich bin überzeugt, dass eine hochperformante Lieferkette dabei von immer zentralerer Bedeutung sein wird. Wenn man das auf den Online-Handel überträgt, müssen Daten noch besser genutzt werden, noch mehr Transparenz geschaffen werden und die Lagerprozesse weiter automatisiert werden. Auch am Thema Resilienz muss gearbeitet werden. Zusätzlich werden aber auch die Anforderungen an „gute Unternehmensführung“ steigen. Beim Thema ESG beispielsweise wird es nicht mehr nur darum gehen, dass wir „CO2-neutrale“-Läger – also klimaneutrale Läger – haben, sondern unter Umständen sogar „klimapositive Läger“, die CO2 sozusagen „abbauen“. Auch brauchen wir saubere Transportlösungen wie CO2-neutrale Batteriefahrzeuge, neue Verpackungslösungen und generell noch mehr Effizienz in der Logistik.

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